In der Welt zu Gast mit acht

Der gegenseitige europäische Austausch wird großgeschrieben beim Verein "En famille Deutschland e.V."

Das eigene Kind mit acht, neun, zehn Jahren allein ins Ausland gehen lassen? Ein halbes Jahr lang? 6 Monate lang Gastfamilie sein für ein Kind aus dem europäischen Ausland? Viele Eltern sind erst einmal skeptisch, wenn sie so etwas hören. Trotzdem bietet der Verein "En famille e.V.“ seit vielen Jahren diese Art des Austauschs für abenteuerlustige und interessierte Kinder und Familien an - mit Langzeitfolgen. Christine Denda sprach für die Gingko-Foundation mit Dr. Annette Handke-Vesely, der stellvertretenden Vorsitzenden des Vereins.

„Vor dreizehn Jahren bin ich selber auf den Verein aufmerksam geworden und habe den Artikel darüber meiner damals 10 Jahre alten Tochter gezeigt“, erinnert sich Annette Handke-Vesely. Diese war nach der Lektüre Feuer und Flamme. "' Mama, das möchte ich auch machen', hat sie zu mir gesagt“, erzählt die dreifache Mutter. "Und ich habe geantwortet: 'Okay, wenn Du es wirklich willst, dann machen wir das. Aber Du musst dort selber anrufen.'“

Keine Seltenheit: Geschwisterkinder folgen dem Beispiel der Größeren

Ihre Tochter ergriff die Initiative und ging schließlich für sechs Monate nach Frankreich. Ihr Vorbild machte familiär Schule: Die Geschwisterkinder erlebten, wie der halbjährige Austausch die Familie bereicherte. "Die jüngeren Kinder hängen sich dran “, schmunzelt Annette Handke-Vesely. "Sie sagen dann: 'Ich will das auch machen, was mein Geschwister gemacht hat. Ich will auch eine französische Schwester, einen französischen Bruder.'“ Sie selber habe von der Zeit als Gastmutter fast noch mehr profitiert: “Ich sage immer, ich habe mehrere Kinder zu meinen eigenen hinzu bekommen, die Austauschkinder sind wirklich Teil unserer Familie geworden.“
Nach diesem ersten Kontakt ist sie dem Verein über die Jahre treu geblieben, einfach, weil sie das Konzept überzeugt hat. "Das ist bei uns mit vielen Eltern so, sie helfen zum Beispiel später bei der Vorbereitung neuer Austauschfamilien, machen Hausbesuche und Ähnliches.“

Wichtig: Mit dem Austausch wird kein Geld verdient

Und zuletzt sei sie eben selber stellvertretende Vorsitzende des Vereins geworden, der strikt ehrenamtlich arbeitet. "Die gemeinnützige Arbeit ist ein ganz wichtiger Bestandteil unseres Konzeptes“, unterstreicht die 52-Jährige. "Da wir kein Geld mit der Organisation des Austausches verdienen, sind wir auch nicht gezwungen, einen Austausch zu vermitteln, der nicht wirklich passt, einfach nur damit die Kasse stimmt.“ Ganz ohne Geld kommt aber auch "En famille“ nicht aus. Es fallen 1300 Euro plus 50 Euro Bearbeitungsgebühr an. Die 1300 Euro werden unter anderem dafür genutzt, die Fahrten der Vereinsmitglieder zu finanzieren, wenn diese zu den Auswahlinterviews nach England oder Frankreich fliegen, die dort von den jeweiligen englischen und französischen Schwesterorganisationen organisiert werden."Ich muss aber klar sagen, dass der Schüleraustausch mit Kindern aus Deutschland und Frankreich dominiert.
Ein Austausch mit England findet kaum statt, einfach, weil sich dort die Grundschulen so etwas meist nicht vorstellen können,“ erklärt Annette Handke-Vesely. Denn natürlich müssen auch die Schulen bei einem solchen Austausch gefragt werden, ob sie bereit sind, ein Kind aus einem anderen Land aufzunehmen. "Oft sind die Grundschulen zunächst sehr skeptisch“, weiß Handke-Vesely, hinterher aber seien sie ganz begeistert, wie schnell die Kinder sich einfügen und die fremde Sprache aufsaugen. "Sie müssen sich vorstellen: Die Kinder kommen mit null Sprachkenntnis und können nach einem halben Jahr die vormals fremde Sprache flüssig sprechen.“ Natürlich werden Grammatikfehler gemacht, oft bereiten die Vergangenheitsformen Schwierigkeiten, aber die Angst vor der neuen Sprache ist weg.
Und Handke-Vesely findet: "Ich denke manchmal, diese Art des Austausches eignet sich gerade gut für Kinder, die eher weniger sprachbegabt sind. Sie bekommen auf diese Weise ein Erfolgserlebnis, das beim Sprachunterricht in der Schule oft ausbleibt.“

Das Auswahlkriterium: Die Kinder müssen wollen

Doch das wichtigste Auswahlkriterium von "En famille“ war und ist das Interesse des Kindes am Austausch. Auf keinen Fall dürften die Kinder in etwas rein gedrängt werden, was sie selber gar nicht wollten, findet Handke-Vesely. Zwar komme die Anregung für diesen Austausch meist von den Eltern - "Kein Kind kommt selber auf die Idee, mit acht ins Ausland zu gehen“, - danach aber sollte ein Großteil der Initiative vom Kind selber ausgehen, "sonst sind Schwierigkeiten während des Austausches vorprogrammiert.“ Doch wie kommt "En Famille“ dahinter, ob ein Kind wirklich will? - Durch ein sorgfältiges Auswahlverfahren, das sich bis zu anderthalb Jahren hinziehen kann. Denn bevor es zum Austausch kommt, werden die potentiellen Austauschfamilien erst auf Herzenswärme, Familiensituation und ernsthaftes Engagement hin geprüft.

Zeitaufwendig: Die Bewerbungsphase

„Ganz am Anfang steht eine unverbindliche Kurzbewerbung,“ erläutert die überzeugte Europäerin die Vereinsarbeit. Haben Familien diese erste Hürde genommen, bekommen sie die ausführlichen
Bewerbungsunterlagen zugeschickt. Dafür müssen sie Referenzen einholen, von ihrer Grundschule und von Freunden. Auch werden die Bewerber von einer erfahrenen Austauschfamilie besucht, die weiß, worauf es ankommt. Stimmt die Chemie, wird die ganze Familie im jeweiligen Mutterland zum Interview eingeladen. "Hier sprechen wir zuerst mit dem Kind allein,“, erläutert Handke-Vesely das Prozedere. "Und wir sagen den Kindern auch, dass wir nicht dazu da sind, ihnen einen Freund oder eine Freundin im Ausland zu suchen.“ Viel eher ähnle das Verhältnis zwischen den Austauschkindern dem von Geschwistern, alle Freuden und Konflikte inklusive.

Erst danach folgt das Gespräch mit den Eltern und Geschwistern des Austauschkindes. "Überehrgeizige Eltern haben bei uns keine Chance. Sondern Menschen, die an die europäische Idee glauben, die weltoffen und neugierig sind. Eben Menschen, die nicht allein ihr Kind ins Ausland schicken wollen, sondern die auch Freude daran haben, einem Gastkind die deutsche Kultur und Sprache nahezu bringen und es ganz in die Familie zu integrieren“, unterstreicht die Ulmerin. Bei der Auswahl der Familien wird vor allen Dingen auf Ähnlichkeiten geachtet. Ein Beispiel : "Bei unserem letzten Austausch hatten wir eine deutsche Baufacharbeiterfamilie und eine französische. Auch die Anzahl der Kinder innerhalb der Familie war gleich.“ Erfahrungsgemäß fällt der Sprung in eine fremde Welt leichter, wenn solche Ähnlichkeiten vorliegen. Sind die passenden Familien gefunden, besuchen sich diese zunächst, um zu schauen, ob die Wellenlänge tatsächlich stimmt. Erst danach kommt es zum Austausch. In welchem Land der Austausch beginnt – ob zuerst das deutsche Kind nach Frankreich/England reist oder umgekehrt, das entscheidet „En famille“ gemeinsam mit den Familien von Fall zu Fall.

Engmaschig: Die Betreuung durch den Verein vor und während des Austausches

Es ist wohl dem aufwendigen Auswahlverfahren zu verdanken, dass die Abbrecherquote trotz der kindlichen Teilnehmer eher gering ist. "Natürlich haben wir immer mal wieder auch Kinder, die nach Hause wollen, weil sie Heimweh haben.“ Aber auch in solchen Fällen versucht "En famille“ eine Lösung zu finden. "Eines unser Kinder hat zum Beispiel nach zwei Monaten den Austausch abgebrochen. Aber es hat auch gesagt, dass es die fehlenden vier Monate auf jeden Fall noch nachholen will. Und dabei helfen wir dann auch.“ Die enge Betreuung vor und während des Austausches sieht "En famille Deutschland“ als sein Markenzeichen. Seit 11 Jahren besteht die deutsche Organisation und mittlerweile haben weit mehr als 200 Kinder an dem Austausch teilgenommen.

Auswirkung: Früher Austausch beeinflusst das weitere Leben

Die Folgen, die solch ein früher Auslandsaufenthalt zeitigt, sind weitreichend. "Ich kann wirklich sagen, die En famille-Kinder sind anders. Oft sind sie sehr selbstbewusst und offen. Und die frühe Entscheidung ins Ausland zu gehen, zieht sich danach häufig durch ihr weiteres Leben“, erzählt Annette Handke-Vesely. So sei es auch in ihrer Familie gewesen: Immer wieder haben ihre Kinder den Weg ins Ausland gesucht, waren in den USA, in Italien und den Niederlanden, und ihr Sohn wolle jetzt zum Beispiel in Kanada studieren. Das ganze Familiengefüge könne sich durch den Austausch ändern, werde weitläufiger, europäischer. "Und langfristig gesehen kann es durchaus sein, dass die Kinder ihre Partner vielleicht nicht in Deutschland, sondern im Ausland finden“, erklärt Handke-Vesely.
Sie selber hat damit kein Problem. "Aber das hat vielleicht auch mit meinem familiären Hintergrund zu tun,“ gibt sie zu. Ihre Eltern waren Diplomaten, sie selber habe lange Zeit in den U.S.A.gelebt.
Zum Schluss erwähnt sie noch einen weiteren interessanten Aspekt: "Was unser Austauschangebot angeht, sind Mädchen viel mutiger. 2/3 unser Bewerber sind weiblich.“ Aber ist das wirklich verwunderlich? Schließlich ist Europa eine Frau. (-;

Stand: September 2007

Christine Denda sprach für die Gingko-Foundation mit Dr. Annette Handke-Vesely über die Arbeit des Vereins "En famille Deutschland e.V."

[Download: In der Welt zu Gast mit acht]

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