Nederlands vor beginners

Der deutsch-niederländische Kindergarten „Pusteblume“

Dort, wo sich deutsche und niederländische Füchse auf den Feldern gute Nacht sagen, die Stadt Gronau endet und die Niederlande beginnen, da liegt, direkt an der Grenze, in einem umgebauten Wohnhaus der deutsch-niederländische Kindergarten „Pusteblume.

Der kleine Grenzverkehr führt hier tagtäglich zu Begegnungen mit der fremden Sprache. So erscheint es fast logisch, dass in der zweigruppigen Einrichtung mit insgesamt 50 Kindern neben Deutsch auch Niederländisch gesprochen wird. Und doch ist das erst seit zweieinhalb Jahren der Fall. „Im April 2003 habe ich einen Infoabend besucht, bei der es um die Sprachförderung in der Euregio ging“, erzählt Kindergarten-Leiterin Ulla Sundmacher. Mit dabei an diesem Abend: Professorin Veronika Wenzel von der Uni Münster. Deren Vorschlag, einen deutsch-niederländischen Kindergarten einzurichten, begeisterte Ulla Sundmacher. „Diese Idee“, erinnert sie, „war wie für uns gemacht.“ Gemeinsam mit der Professorin setzten sich Sundmacher und ihre Kolleginnen an einen Tisch und entwickelten das Konzept.

Grenzlage des Kindergartens.© by Tina Denda.
Maßgeschneidert: das Sprachkonzept für die Pusteblume

„Das war am Anfang ganz schön viel Arbeit“, gesteht die erfahrene Erzieherin. Einig waren sich alle Beteiligten, dass der deutsch-niederländische Kindergarten auf jeden Fall immersiv betrieben werden sollte. Eine entsprechende Fachkraft musste also her, eine, die perfekt nederlands sprechen konnte. Dabei galt es auch Vorurteile zu überwinden. „Als ich Helga Hovestadt zum ersten Mal sah, habe ich spontan gedacht:'Mit der im Leben nicht, die passt nicht in unseren Kindergarten,'“schmunzelt Ulla Sundmacher. Und auch Helga Hovestadt muss grinsen, wenn sie an diese erste Begegnung zurück denkt. Mit damals noch pinken Strähnen im langen schwarzen Haar, Piercings und ausgefallenen Klamotten schien die junge Frau so gar nicht in die gutbürgerliche Kindergartenwelt zu passen. Ausgebildete Erzieherin war sie auch nicht, sondern Diplompädagogin, die zunächst mit Jugendlichen gearbeitet hatte und dann arbeitslos gewesen war. Aber genauso wie auch mit dem deutsch-niederländischen Kindergarten Stereotypen überwunden werden sollen, ließ sich Ulla Sundmacher im Vorstellungsgespräch von der offenen und lebhaften Art der jungen Frau überzeugen. Und beim Probearbeiten zeigte sich, dass deren unkomplizierte Art bei den Kindern gut ankam.

Pluspunkt: Helga Hovestadt spricht beide Sprachen fließend

Ein weiteres Plus: Die 31-jährige spricht Deutsch und Niederländisch fließend, sie kann problemlos zwischen den Sprachen hin- und her springen. „Meine Mutter kommt aus den Niederlanden,“ erzählt Helga Hovestadt unter vier Augen. „Außerdem war ich, als ich klein war, viel bei meinen niederländischen Großeltern in Enschede.“ Niederländerin ist sie aber nicht, sondern Deutsche und wohnt in Steinfurt, nahe Münster. „Das wissen die Kinder aber nicht. Vor ihnen spreche ich konsequent nur niederländisch, sonst würde das ganze Konzept nicht funktionierten,“erklärt Hovestadt. Das Prinzip eine Person – eine Sprache wird konsequent durchgehalten. Und so komme auch ich als Reporterin in den Genuss eines niederländischen Sprachbades. Als ich Helga Hovestadt vor den Kindern frage, ob sie jeden Tag im Kindergarten arbeitet, antwortet sie mir: „Ik ben iedere dag hier – de eene dag boven, de andere beneden. „ [Ich bin jeden Tag da – den einen Tag in der oberen Gruppe, den anderen unten.“]

Und Action: Helga Hovestadtim Stuhlkreis.© by Tina Denda.
Selbstverständlich: Helga Hovestadt ist gleichberechtigt im Erzieherteam

Auch wenn sie keine Erzieherinnen-Ausbildung hat: die Chemie zwischen den Kindern und ihr scheint zu stimmen. Immer wieder kommen diese auf sie zu, wollen mit ihr spielen, lesen, albern. Ein besonderer Fan von Helga ist die vierjährige Judith. EinemEcho gleich wiederholt die Kleine das, was Helga Hovestadt auf niederländisch vorgibt: Zahlen, Farben, einzelne Wörter oder die Zeilen eines Liedes. „Judith ist für dieses Projekt wirklich ein Vorzeigekind“, meint Hovestadt. „Sie reagiert ungeheuer intensiv auf das sprachliche Angebot.“ Überhaupt mache ihr die Arbeit sehr viel Spaß, weil sie soviel von den Kindern zurückbekomme. Positiv findet sie auch, dass sie von Anfang an von ihren Kolleginnen mit einbezogen wurde. „Ich bin hier nicht nur so nebenher mit dabei, sondern eine vollwertige Kraft.“ Und das kann man hören und sehen: Niederländisch spielt hier im Kindergarten eine Hauptrolle. So gestaltet Helga Hovestadt den Stuhlkreis, singt mit den Kinder das niederländische Aufräumlied und gestaltet das Geburtstagsfrühstück für die sechsjährige Alina. Auf dieFrage, ob das vielleicht nur heute so sei wegen der Hospitation, schüttelt Helga energisch den Kopf. „Nein, das ist immer so,“ und Ulla Sundmacher nickt bestätigend. „Mir wurde und wird hier viel Freiraum gelassen“, erzählt die junge Frau mit den langen schwarzen Haaren.

Sind auf einer Wellenlänge: Helga und Judith (rechs).© by Tina Denda.
Hilfreich: Niederländische Arbeitshefte aus dem Kindergarten-Bereich

Und sie musste sich auch nicht in ein Schema pressen lassen, das ihr nicht liegt. Ein Beispiel: „Eigentlich gehörte zur der Idee des Sprachkonzeptes auch eine Handpuppe, die nur niederländisch sprechen sollte“, erzählt Hovestadt.. „Aber das lag mir überhaupt nicht. Ich wollte so nicht arbeiten. Und das war dann auch okay so.“ Viele Ideen und Anregungen für die Kinder kommen ihr spontan. Bei der systematischen Arbeit aber hat ihr ein niederländisches Kindergarten-Programm geholfen: „De Piramide“: „Das sind Arbeitshefte, die aufeinander aufbauen und sich ergänzen. Da bekomme ich sehr gute Anregungen.“ Positiv wirkt sich auf das Arbeitsklima sicher auch aus, dass nicht nur Helga deutsch, sondern die Erzieherinnen niederländisch sprechen. „Wir haben alle zu Beginn einen einjährigen Niederländisch-Kurs absolviert“, erzählt Ulla Sundmacher.
Erste Hilfe bei Missverständnissen bietet das stets griffbereite deutsch-niederländische Wörterbuch. Und als letzter Ausweg bleibt immer noch der Gang ins Büro: Hier spricht man deutsch – sofern keine Kinder dabei sind.

Ein Erste-Hilfe Kasten mal ganz anders.© by Tina Denda.
Mit dabei: Niederländische Kindergarten-Kinder

Dass die Erzieherinnen Niederländisch verstehen, ist aber auch aus einem anderen Grund wichtig: In der „Pusteblume“ werden nicht nur deutsche, sondern auch niederländische und deutsch-niederländische Kinder betreut. Das verstärkt das niederländische Sprachangebot innerhalb des Kindergartens noch. Die Kinder selber jedenfalls scheinen mit dem zweisprachigen Angebot kein Problem zu haben. Helga Hovestadt spricht mit ihnen niederländisch, sie antworten auf Deutsch und flechten auch schon mal einzelne niederländische Worte ein. Tatsächlich hat Ulla Sundmacher auch schon beobachtet, wie ein deutsches Kind sich bei einem Fest mit einem niederländischen Vater in dessen Sprache unterhalten hat. „Das war schon erstaunlich,“ findet sie, normalerweise komme es zu einer solchen Sprachentwicklung erst in einem späteren Alter. Vielleicht liegt es ja an dem intensiven Angebot?

Geplant: Deutsch-niederländisches Theaterstück, Marktbesuch

Für die Zukunft sind verstärkte Kontakte mit den Niederlanden geplant. „Wir wollen das Thema Markt aufgreifen: Über Früchte sprechen, Bilder malen und Ähnliches“, so Ulla Sundmacher. Ein Besuch auf den niederländischen Markt in Overdinkel soll das Projekt beschließen. „Und die älteren Kindern können dann dort, wenn sie wollen, ihr Obst selber kaufen.“
Auch ein deutsch-niederländisches Theaterstück ist geplant: Zusammen mit der deutschen Grundschule und der niederländischen Einrichtung „Het Kompass“ in Overdinkel soll es entwickelt werden und wahrscheinlich im Sommer aufgeführt werden. Zum festen Kindergarten-Repertoire gehören mittlerweile Feste wie „De Koniginnendag“ - am 30. April oder im Dezember „Sinter Klaas und „de zwarte Piet“.Denn während bei uns das Weihnachtsfest ausgiebig gefeiert wird, findet in den Niederlanden bereits am 5. Dezember die große Bescherung statt.

Ergebnis: Ein neues attraktiveres Kindergartenmodell

Ulla Sundmacher jedenfalls ist froh, dass sie sich vor zweieinhalb Jahren auf das deutsch-niederländische Experiment eingelassen hat. „Ich finde, es hat uns nur Vorteile gebracht.“ Das Profil des Kindergartens sei dadurch geschärft worden. „Viele Eltern haben sich unseren Kindergarten ganz bewusst ausgewählt,“ sagt Sundmacher. Und die Kinder hätten enorm davon profitiert: Sprachlich und sozial: „ Die Kinder helfen sich gegenseitig, erklären den kleineren Kindern, was gemeint ist, wenn diese das Niederländische zunächst nicht so gut verstehen.“ Das mache sie selbstbewusst. Auch ihre Wissbegier sei durch das Sprachangebot noch verstärkt worden. Und auch sie selber sei durch das Projekt frisch motiviert, gibt Ulla Sundmacher zu,„es ist nach 25 Jahren im Kindergarten einfach ein neue Anregung.“ Ein weiterer Pluspunkt: „Seit das Projekt läuft, fällt uns viel schneller als früher auf, wenn ein Kind Defizite hat.“ Das gelte nicht nur für den sprachlichen Bereich, sondern ganz allgemein für Wahrnehmungsstörungen und Störungen im sozialen Bereich. „Hier könnten wir jetzt früher gegensteuern und die Kinder fit für ihren weiteren Lebensweg machen“, unterstreicht die Pädagogin.

Ausblick: Leise Kritik, Bildungsfragen, Fortbestand

Natürlich gibt es auch Kritik. „Manche Eltern meinen, das Niederländische stehe zu sehr im Vordergrund, und es würde zum Beispiel weniger gebastelt.“ Ulla Sundmacher teilt diese Befürchtungen nicht. „Man kann ja auch miteinander basteln und dabei niederländisch sprechen“,
findet sie. Außerdem habe sich die Situation im Kindergarten ohnehin geändert. „Die Ansprüche sind gestiegen. Die Politik fordert von uns eindeutiger als früher Bildungsarbeit und die übernehmen wir ganz klar mit unserem Sprachprojekt.“ Und an dessen Nachhaltigkeit wird gearbeitet: So gibt es über das geplante Theaterstück hinaus Kontakte zur deutschen Grundschule, auf die die meisten der Kindern wechseln werden. Eine bilinguale Klasse besteht dort leider noch nicht, aber die Kinder aus der „Pusteblume“ werden alle in eine Klasse kommen, in der es ein bis zwei Stunden Niederländisch pro Woche geben wird. „Es ist natürlich schade, dass sich das Konzept nicht immersiv fortsetzt,“ findet Sundmacher, hofft aber gleichzeitig „das sich da noch etwas entwickelt.“Für die „Pusteblume“ aber ist sie sich sicher, dass an dem deutsch-niederländischen Konzept nicht mehr zu rütteln ist. „Die ersten zwei Jahre waren wir noch ein Modellkindergarten, und die Hälfte von Helgas Stelle wurde aus den Mitteln der Euregio gezahlt.“ Jetzt kommt die Stadt Gronau allein für das Gehalt der 31-Jährigen auf, zunächst noch für zwei Jahre.Aber Ulla Sundmacher ist überzeugt: „Es geht danach weiter. Wir sind jetzt ein etablierter deutsch-niederländischer Kindergarten und kein Versuchsmodell mehr. Unsere Erfolge sprechen für sich. Und das sieht auch die Stadt, da bin ich mir sicher.“

Stand: 29. Januar 2007

Christine Denda hospitierte im deutsch-niederländischen Kindergarten in Gronau für die Gingko-Foundation.

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