„Leuchtturmprojekte machen angreifbar.“

Claus-Rixen Grundschule in Altenholz/Kiel unterrichtet erfolgreich bilingual

Uta Fischer ist eine Handlungsreisende in Sachen Immersion. Seit acht Jahren setzt sie sich für bilinguale Schulen ein: In Zeitungen, auf Kongressen, im persönlichen Gespräch. Sie hat gute Gründe dafür: „Die sprachlichen Ergebnisse unserer deutsch-englischen Klassen sind absolut überzeugend,“ erklärt die engagierte Rektorin im Interview.

Frau Fischer, wie sind Sie mit dem Thema Immersion in Kontakt gekommen?

Vor etwas mehr als acht Jahren trat die Kindertagesstätte in Altenholz an uns heran und fragte, ob wir Lust hätten, eine deutsch-englische Klasse einzurichten.

Standen Sie dieser Idee von Anfang offen gegenüber?

Ja, eigentlich schon. Das hatte aber auch damit zu tun, dass ich selber Englisch studiert habe und darum von vorne herein einen Bezug zum Thema hatte. Trotzdem haben wir uns als Schule gründlich informiertund uns die Kindertagesstätte und ihr immersives Konzept angeguckt. Dann aber fassten wir ziemlich schnell den Entschluss: `Gut, wir machen es´. Ein Grund war sicher auch, dass das Projekt von Anfang wissenschaftlich durch Professor Henning Wode von der Kieler Uni betreut worden ist. Außerdem konnten und können wir uns hier in Schleswig-Holstein schon seit vielen Jahren über den Erfolg der Immersion direkt vor der Haustür informieren .

Inwiefern?

Es gibt in unserem Bundesland die dänische Minderheit. Und die haben nach dem zweiten Weltkrieg die Erlaubnis bekommen, dänische Schulen hier in Deutschland zu betreiben. Und da zeigt es sich, dass die Kinder problemlos deutsch und dänisch nebeneinander lernen können. Und da haben wir uns gesagt: dann muss das auch mit Englisch funktionieren.

Nachdem Sie sich entschlossen hatten, einen immersiven Zweig einzurichten: wie sind Sie dann weiter vorgegangen?

Wir haben beim Kultusministerium einen Antrag auf Schulversuch gestellt. Ich nehme an, das würde in Nordrhein-Westfalen ganz ähnlich laufen. Und wir hatten Glück. Wir fanden eine Staatssekretärin, die ein offenes Ohr für dieses Thema hatte. Und die stellte das Konzept der damaligen Ministerpräsidentin Heide Simonis vor, die daraufhin beschloss: `Okay, das machen wir.´“

Wie waren die Ergebnisse dieser ersten Klasse?

Absolut überzeugend. Am Ende des ersten Schuljahres waren alle Kinder auf einem Level im Englischen. Egal, ob sie vorher die deutsch-englische Kindertagesstätte besucht hatten oder nicht.Und am Ende der Grundschulzeit sind unsere Kinder im Englischen etwa auf dem Niveau der achten Klasse im Gymnasium. Fast noch wichtiger aber ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie die englische Sprache benutzen: Sie haben keine Angst, Fehler zu machen und sich englisch zu unterhalten. Und das beeindruckt mich selber immer wieder. Und es zeigt sich auch eine positive Entwicklung insgesamt bei den kognitiven Fähigkeiten.

Wie läßt sich diese belegen?

Vor Kurzem erst haben wir hier in Schleswig-Holstein in der vierten Klasse sogenannte Vergleichsarbeiten im Fach „Deutsch“ geschrieben. Dabei geht es um die Bewertung von Lesekompetenz und Sprachbetrachtung
[Anm. der Verfasserin: Sprachbetrachtung meint das Nachdenken über Sprache in Punkto Grammatik und Rechtschreibung. Auch inhaltlich wird hier gearbeitet: Warum wird eine Sache so und nicht anders ausgedrückt, warum dieses Verb und kein anderes?] Dabei gibt es drei Level, die die Kinder erreichen können. In der bilingualen Klasse haben 90 Prozent der Kinder im Bereich der Sprachbetrachtung das dritte Level erreicht, bei der Lesekompetenz sind es 70 Prozent auf dem dritten Level. Das sind absolut überdurchschnittliche Ergebnisse.

Wieviel Prozent des Unterrichtes laufen an Ihrer Schule immersiv ab?

Wir setzen auf Total-Immersion. Das heißt 70 Prozent des Unterrichtes werden auf Englisch abgehalten. Besonders erfolgreich ist hierbei der Heimat- und Sachunterricht. Das heißt in NRW, glaube ich, Sachkunde. Da in dieses Fach Geschichte, Biologie, Technik usw. mit rein spielen, bekommen die Kinder hier ein sehr breit gefächertes Vokabular in der englischen Sprache vermittelt.

Gab es denn überhaupt keine Probleme bei der Einführung der bilingualen Klassen?

Doch. Viele Eltern waren sehr skeptisch. Die größte Angst war: Lernt mein Kind dann überhaupt richtig Deutsch? Und auch einige Lehrer, die nicht Englisch unterrichteten, hatten Angst, weniger wert zu sein als ihre englischen Kollegen und benachteiligt zu werden. Ganz massiv traten diese Ängste auf, als wir auf der Schulkonferenz die Einführung einer zweiten bilingualen Klasse diskutierten. „Für uns bleiben nur die Problemkinder,“ war da zum Beispiel ein Argument der nicht-bilingualen Lehrer.

Und ist da etwas Wahres dran?

Nein, das stimmt so nicht. Die bilingualen Klassen sind keine Eliteklassen, sondern ganz normal aus allen Bevölkerungsschichten zusammengesetzt. Auf eine Sache müssen wir allerdings achten: Die Kinder müssen in ihrer Muttersprache normal entwickelt sein und sie müssen sich gut konzentrieren können, sonst funktioniert es nicht

Was ist Ihr Rat, wie sollten andere Schulen oder Eltern vorgehen, die ein solches Konzept durchsetzen wollen?

Wichtig ist, immer sachlich zu argumentieren. Natürlich muss man die Ängste der Beteiligten ernst nehmen, aber man sollte immer versuchen, die Emotionen raus zu nehmen und dann möglichst gemeinsam Lösungen erarbeiten. Und Eines ist ganz klar: Alle Leute, die sich an einem solchem Projekt beteiligen, brauchen einen langen Atem. Es gibt immer wieder Zoff, den es zu regeln gilt. Sei es, dass die Eltern kritisch beäugt werden, die ihre Kinder in eine bilinguale Klasse geben, nach dem Motto: ihr haltet euch wohl für etwas Besseres. Oder sei es, das die bilingualen Lehrer Konflikte mit ihren Kollegen bekommen. Und manchmal muss man als Schulleiterin auch einfach auf den Tisch hauen und sagen: `Ende der Diskussion. Das wird jetzt so gemacht und Schluss.´

Wie sieht es mit der Unterstützung der Politik aus?

Schlecht. Und das, obwohl wir so überzeugende Ergebnisse haben. Zwar waren schon alle möglichen Minister hier und auch die damalige Ministerpräsidentin Heide Simonis. Die haben dann das Projekt gelobt, aber weitere Unterstützung gab es nicht. Wobei jetzt die neue Regierung ein Gesetz beschlossen hat, das den bilingualen Unterricht fördern will. Es ist aber nicht konsequent genug und rückt zum Beispiel von der Idee der Total-Immersion ab. Das halte ich für schlecht.

Warum?

Weil dann einfach die Intensität fehlt, die englische Sprache gut zu lernen. Ich halte es für fraglich, ob die Kinder dann der Lage sind, dem Sachfachunterricht in der weiterführenden Schule auf Englisch zu folgen.

Wo haben und hatten Sie die englischen Lehrkräfte her, die an Ihrer Schule unterrichten?

Ich hatte den Vorteil, dass ich bereits eine Kollegin im Lehrkörper hatte, die Englisch als Fach studiert hatte, selber begeistert und auch ein Jahr im Ausland gewesen war, also fließend Englisch sprach. Und die übernahm den Unterricht in der ersten bilingualen Klasse.

Sie haben erwähnt, dass Sie selber Englisch studiert haben. Und Ihre Kollegin auch. Aber ein Englischstudium, das ist doch eher ungewöhnlich für eine Grundschullehrerin ...

Nein, in Schleswig-Holstein nicht. Wir haben eine andere Lehrerausbildung. In NRW gibt es das Grundschullehrerstudium, dann Sekundarstufe I und Sekundarstufe II. Hier studiert man Grund- und Hauptschullehrer zusammen. Auch unserer Grundschule ist eine Hauptschule angeschlossen. Und deshalb gibt es bei uns eben auch Lehrer, die Englisch studiert haben. Das war ein riesiger Vorteil beim Start unseres Projektes. Denn ich konnte ja nicht einfach so neue Lehrer einstellen.

Und wie haben Sie den bilingualen Lehrerstamm weiter ausgebaut?

Wieder mit ein bisschen Glück. In den nächsten Jahren sind bei uns Lehrer in Pension gegangen und ich habe dann gezielt Lehrer mit Englischkenntnissen eingestellt. Außerdem beschäftigen wir zur Zeit einen europäischen Sprachassistenten. Und einmal die Woche kommt ein Muttersprachler zu uns in die Schule, der von den Eltern bezahlt wird. So kommen die Kinder auch in Kontakt mit dem `originalen englischen Sprachton´.

Arbeiten Sie mit weiterführenden Schulen zusammen?

Wir haben ein Gymnasium, mit dem wir zusammenarbeiten. Mit der Schulleitung und dem Ministerium wurde vereinbart, dass unsere bilingualen Kinder dort gesondert Englischunterricht bekommen, weil sie schon ein anderes Niveau erreicht haben als ihre Klassenkameraden. Außerdem wird ein weiteres Fach immersiv unterrichtet. Allerdings sind sie dort noch ein gutes Stück von der Total-Immersion entfernt, das würde ich mir anders wünschen.

Wie sieht es in anderen Bundesländern mit dem bilingualen Unterricht aus?

Hamburg ist offen für dieses Thema, da tut sich was. In Baden-Württemberg gibt es Englisch und Französisch schon ab Klasse 1. Allerdings wird hier nicht nach der immersiven Methode unterrichtet. NRW tut sich schwer mit diesem Thema.

Warum?

Weil die Regierung in den letzten Jahren viel Geld ausgegeben hat, um den Englischunterricht ab Klasse drei möglich zu machen. Es gab Fortbildungen für Lehrer und ähnliches. Wenn man jetzt kommt und sagt: Das ist zwar ganz schön, aber Immersion ist besser, und ihr braucht Lehrer, die fließend Englisch sprechen, rennt man nicht gerade offene Türen ein. Außerdem ist die Lehrerausbildung in NRW wie erwähnt anders, es müssten Lehrer mit Englischkenntnissen eingestellt werden und dafür müsste es erst einmal freie Stellen geben. Außerdem herrscht eine große Angst vor Elitebildung.

Insgesamt klingt es nach viel Arbeit, Immersion durchzusetzen...

Ja, das ist es auch. Es kostet Nerven und es braucht Konzepte. Sie müssen Mitstreiter haben, die von der Sache absolut überzeugt sind. Und Sie müssen vorher auf politischer Ebene sondieren, wer hat wirklich ein offenes Ohr für meine Sache und genügend Einfluss, um Entscheidungen durchzusetzen. Sonst ist das Ganze von vorne herein zum Scheitern verurteilt.

Wie sehen Ihre Pläne für Ihre Schule in der nächste Zeit aus?

Ich habe mich gerade vor ein paar Tagen mit Professor Henning Wode getroffen. Da ging es darum, dass es wichtig ist, Instrumente zu entwickeln, mit denen man die Sprachfähigkeit der Kinder im Englischen messen könnte. So etwas wie ein Cambridge-Zertifikat,
[Dieses Zertifikat gibt es zur Zeit in verschiedenen Abstufungen für Erwachsene, die sich im Englischen weiterbilden wollen. Es ist ein Qualitätssiegel, das von Universitäten, in der Wirtschaft und von Arbeitgebern anerkannt wird. Für Kinder ließe sich etwas ähnliches denken ]Das hätten dann zum einen die Kinder selber in der Hand. Sie könnten sagen: Seht her, dass kann ich. Und wir als Schule könnten ein solches Zertifikat als sachliches Argument in der politischen Diskussion nutzen. Und uns damit auch zu Wehr setzen. Denn wissen Sie: wir sind ein Leuchtturmprojekt. Leuchttürme aber ragen heraus. Und das macht angreifbar.

Stand: 22. November2006

Das Interview mit Rektorin Uta Fischer führte Christine Denda für die Gingko-Foundation.

[Download:Leuchtturmprojekt]

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