Mehr Sprachen für Europa

Verein für frühe Mehrsprachigkeit an Kindertageseinrichtungen und Schulen e.V. (FMKS) bietet Informationen rund um den frühen Spracherwerb

Auf den Internetseiten des Kieler Vereins für frühe Mehrsprachigkeit gibt es zahlreiche Tipps, Downloads und Informationen rund um einen möglichst frühen und kindgerechten Einstieg in eine fremde Sprache. Wer möchte, kann sich auch persönlich beraten lassen. Zum Beispiel von Annette Lommel, der ersten Vorsitzenden des Vereines.

Frau Lommel, seit wann gibt es den Verein für frühe Mehrsprachigkeit?

2005 haben wir unseren Verein gegründet. Sozusagen aus der Not heraus.

Weshalb "aus der Not heraus"?

Vor der Vereinsgründung hatte ich zusammen mit anderen Eltern über längere Zeit versucht, an einer Kieler Grundschule zusätzlichen und früher einsetzenden Englischuntericht zu etablieren. Wir waren sogar bereit, das Geld dafür aus eigener Tasche zu zahlen. Das ging anfangs gut, wurde aber zusehens schwieriger in der Koordination mit der Schule. Trotzdem ist aus dieser verqueren Situation noch etwas Gutes entstanden.

Was heißt das?

Ein Artikel in der Zeitung über dieses Thema hatte damals große Resonanz. Wir konnten spüren, dass wir mit dem Thema einen Nerv getroffen hatten, und viele Eltern haben sich uns angeschlossen. So entstand die Idee, einen Verein zu gründen. Und über diesen Zeitungsartikel sind wir mit Professor Henning Wode von der Kieler Universität in Kontakt gekommen. Er gilt als einer der Vorreiter bei der Erforschung der frühen Mehrsprachigkeit bei Kindern, hat uns viele Tipps gegeben und ist selber Gründungsmitglied. So hat er uns auch die Methode der Immersion und ihre Vorteile erläutert. Wir wollten damals ja noch einfach nur zusätzlichen Englischunterricht in der ganz klassischen Form.

Haben Sie denn selber Erfahrung mit immersiven Lehrmethoden?

Ja. Ich hatte Glück, meine Tochter konnte die immersive Grundschule in Altenholz nahe Kiel besuchen und hat enorm davon profitiert. Mich hat es verblüfft, wie selbstverständlich die Kinder nach dem Ende der Grundschule mit der englischen Sprache umgingen. Meine Tochter zum Beispiel sprach völlig ohne Hemmungen flüssig Englisch.

Wie ein Muttersprachler?

Nein, das nicht, das hatte ich auch nicht erwartet. Aber sie ging ganz selbstverständlich mit der englischen Sprache um. Wenn sie mal ein Wort nicht wusste, hat sie es umschrieben. Außerdem waren der Wortschatz und das Hörverständnis sehr gut entwickelt.

Hat sich dieser Prozess so positiv fortgesetzt?

Ich würde gerne ja sagen, doch leider ist dem nicht so. Meine Tochter ist jetzt in der siebten Klasse des Gymnasiums. Gemeinsam mit anderen Kindern erhält sie zwar gesonderten Englischunterricht, weil schon größere Fähigkeiten vorhanden sind. Und ein weiteres Fach wird seit diesem Jahr auch noch in der englischen Sprache unterrichtet. Aber das lässt sich mit der Intensität an der Grundschule nicht vergleichen, und ein bißchen von der Selbstverständlichkeit, die sie vorher im Englischen hatte, ist ihr, so jedenfalls mein Eindruck, wieder verloren gegangen.

Was können Sie als Verein tun, um hier etwas zu bewirken?

Wir können Leute und Interessenten beraten, die in diesem Bereich etwas auf die Beine stellen wollen. Und Netzwerken ist ganz wichtig, damit die Sache nach und nach immer mehr ins Rollen kommt und Kreise zieht. Leider muss ich sagen, dass hier nach wie vor vieles nur über persönliches Engagement läuft. Die Politik hinkt für mein Gefühl sehr hinterher und meine Erfahrungen mit Ministerien könnten - was das Thema Förderung von Mehrsprachigkeit betrifft - positiver sein. (Sie lacht) Und das, obwohl 2002 EU-weit die Förderung der Mehrsprachigkeit als europaweites bildungspolitische Ziel formuliert worden ist.

Gibt es keine positiven Beispiele auf Ministerienebene?

Doch, eine Ausnahme gibt es, das Saarland. Hier gibt es ein vom Kultusministerium koordiniertes Programm, das den Einsatz französischer Erzieher in Kindergärten über drei Jahre hinweg fördert, Fortbildungen zahlt und ähnliches. [Im Netz: Bilinguales Kindergartenkonzept im Saarland] Durch seine enge Anbindung an Frankreich hat das Saarland sicher eine Sonderposition. Aber es ist trotzdem ein enormer Erfolg, das 25 Prozent der Kindergärten zweisprachig - sprich: deutsch-französisch ausgerichtet sind. Aber dieses Programm könnten sich andere Länder orientieren, um die Mehrsprachigkeit voran zu bringen.

Mal angenommen, ich möchte mein Kind möglichst früh in einer fremden Sprache fördern. Wie sollte ich vorgehen?

Erst einmal: Frühzeitig anfangen. Also vielleicht schon im - möglicherweise bilingualen - Kindergarten überlegen, auf welche Grundschule soll mein Kind gehen, haben die ein fremdsprachliches Angebot u nd wenn nicht, kann ich da vielleicht Aufklärungsarbeit leisten. Und es ist wichtig, sich kompetente Partner mit ins Boot holen, deren Stimme Gewicht hat. Hier in Kiel ist das sicher Professor Henning Wode, und in Köln gibt es einen engagierten Professor, Andreas Rohde , den man bei solchen Sachen auch ansprechen kann. Und es ist ganz wichtig zu reden, reden, reden. Alle Beteiligten müssen sich an einen Tisch setzen: Kindergärten, Grundschulen, weiterführende Schulen. Die müssen an einem Strang ziehen, damit solche immersiven Sprachprojekte die nötige Nachhaltigkeit bekommen und dann vielleicht auch bei der Politik Gehör finden.

Also nicht klein, sondern groß denken?

Genau.

Das hört sich nach einem ganz schönen Kraftakt an ...

Das ist es auch. Oft gibt es viele Animositäten zu überwinden. Die Schulen wollen zwar engagierte Eltern, wenn es um die Gestaltung von Schulfesten geht, wenn sie sich aber bildungspolitisch einmischen, fühlen sich viele Schulen leicht auf den Schlips getreten. Da muss man versuchen,Interesse zu wecken und Informationen anbieten,Ängste abbauen. Gelingt es nicht, alle Beteiligten zu überzeugen, wird die Umsetzung bilingualer Pläne ganz schwierig. Und es braucht einen langen Atem und die Bereitschaft, ausgetretene Pfade zu verlassen. Wichtig ist es, immer wieder die Öffentlichkeit zu suchen. Da spürt man wieder, dass es ein großes Interesse für solche Themen gibt und ist neu motiviert. Und es ist vielleicht auch günstig, die Wirtschaft mit an den Tisch zu holen.

Warum?

Zum einen gibt es eventuell Firmen, die bereit sind, eine bilinguale Kraft zu fördern. Zum anderen könnte man, wenn man zum Beispiel einen neuen Kindergarten gründen will, gezielt einzelne Firmen oder Banken ansprechen. Diese hätten dann die Möglichkeit, ein gewisses Platzkontingent im Kindergarten für die Kinder ihrer Mitarbeiter zu erwerben und könnten ihrerseits Geld für die Ausstattung des Kindergartens zur Verfügung zu stellen. In Frankfurt am Main hat sich so die "Internationale Kinderkrippe Le Jardin" weiter entwickelt. Auch der Metro-Kindergarten in Düsseldorf ist dafür ein gutes Beispiel. Insgesamt ist es natürlich einfacher bei Neugründungen, da kann man eine englischsprachige Kraft ganz einfach über den Stellenplan besetzen, und es fallen keine weiteren Kosten an. Anders ist das bei einem bestehenden Kindergartenteam.

Welche Möglichkeiten gibt es da, sich fremdsprachliche Kompetenz in den Kindergarten zu holen?

Zum einen gibt es natürlich die Möglichkeit, dass die Eltern die Kosten für eine solche Kraft selber tragen. Oder man kann versuchen, Sponsoren zu finden, Firmen oder - wie in Ihrem Falle - eine Stiftung. Und dann gibt es noch die Möglichkeit, sich für einen begrenzten Zeitraum von der EU geförderte Sprachassistenten in den Kindergarten zu holen. Das macht das sogenannte Comenius-Programm der EU möglich.

Haben Sie selbst Erfahrung mit solchen Sprachassistenten?

Wir haben ganz positive Erfahrungen damit gemacht. Allerdings müssen bestimmte Voraussetzungen gegeben sein. Das Team - egal ob im Kindergarten oder in der Schule -, muss wirklich willens sein, mit einem solchen Sprachassistenten zusammen zu arbeiten und sich auf ihn einzulassen. Und man sollte den Sprachassistenten immer als Ergänzung begreifen. Ein bilinguales Projekt nur mit einem solchen Sprachassistenten zu starten, kann schwierig sein: Erstens bleibt er nur für einen begrenzten Zeitraum, zweitens hat man selbst noch keine Erfahrungen mit dem bilingualen Alltag und drittens ist der Sprachassistent meist noch selber in der Ausbildung.

Egal ob Sprachassistenten oder englische Erzieher - kompetente muttersprachliche Kräfte sind schwer zu kriegen. Müssen es wirklich immer Muttersprachler sein?

Nicht unbedingt. Auch wenn es speziell für Kindergärten natürlich wünschenswert wäre. Aber es kann auch jemand die Vermittlung des Englischen, Französischen oder Spanischen übernehmen, der diese Sprache fließend beherrscht, der wirklich muttersprachliche Komepetenz hat. Zum Beispiel, weil er hier in Deutschland zweisprachig erzogen worden ist oder längere Zeit im Ausland gelebt hat. Er muss in der Lage sein, den gesamten Unterricht in einem Fach auf Englisch zu halten oder eben den kompletten Kindergartenalltag in Englisch zu gestalten.

Gibt es in diesem Bereich Möglichkeiten, sich als Lehrer oder Erzieher weiterzubilden bzw. nachzuqualifizieren?

Also, mit Volkshochschulkursen kriegt man eine solche Kompetenz nicht hin. Auslandserfahrung gehört sicher dazu, und für Lehrer gibt es mittlerweile spezielle Studiengänge, gerade auch im Grundschulbereich. [Anm. der Verfasserin: Die Ruhruni Bochum, die Gesamthochschule Wuppertal und auch die Uni Köln bieten solche Studiengänge an. Der Bochumer Studiengang ist 2005 mit dem Europäischen Sprachensiegel 2005 der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder ausgezeichnet worden.]

Stand: 6. November2006

Das Interview mit Dr. Annette Lommel führte Christine Denda für die Gingko-Foundation.

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