Englisch für Drei-Käse-Hochs

German Institute For Immersive Learning (GIFIL) leistet „Erste Hilfe“ bei Immersions-Projekten für Kinder und Jugendliche

Gila Hoppenstedt leitet das GIFIL in Hamburg. Nach dem zweite Lehramtsexamen arbeitete sie lange Jahre als Rundfunkjournalistin. Außerdem entwickelte sie Software und Spiele für Kinder und begann sich so für die Methode der Immersion zu interessieren. Heute sieht sie ihre Aufgabe darin, das Thema Immersion in Deutschland bekannter zu machen. „Wissenschaftlern fehlt einfach oft die Medienkompetenz, ihre wichtigen Projekte entsprechend zu verkaufen. Und das mache ich jetzt für sie“, sagt die 52-Jährige augenzwinkerend.

Frau Hoppenstedt, warum halten Sie Immersion für so wichtig?

Immersion ist die einzige Lehrmethode, die seit Jahrzehnten international erforscht ist und die nachweislich zum Erfolg führt. Sie orientiert sich an der Situation des Kindes, begibt sich auf seine Ebene, nutzt seine Stärken. Und sie arbeitet ohne Druck und Zwang, die Kinder lernen die Sprache sozusagen nebenher.

Aber Deutschland hinkt im Bereich Immersion noch sehr hinterher ....

Das ist richtig, wir sind hier in Deutschland wirklich noch 30 Jahre zurück. Die meisten Schulen setzen immer noch auf den traditionellen Sprachunterricht, so wie wir ihn noch erlebt haben, als wir zu Schule gegangen sind.

Was heißt das?

Das heißt, das die englische oder auch andere Sprachen nach wie vor meist durch den klassischen Unterricht – Grammatik pauken, Vokabeln lernen, die englische Sprache auf Deutsch erklären - , vermittelt wird. Außerdem bleibt es bei zwei bis drei Stunden Englischunterricht in der Woche. Dabei zeigen neueste Forschungsergebnisse, dass so das Ziel der Zweisprachigkeit nicht erreicht wird, selbst wenn der Englisch-Unterricht bereits in der 1. Klasse beginnt. Die Hemmungen, die fremde Sprache zu benutzen, bleiben bei vielen Kindern bestehen. Bei der immersiven Methode ist das anders: Wird sie vom Kindergarten über die Grundschule hinweg durchgezogen, sind die Kinder mit zehn Jahren zweisprachig. Das wissen wir jetzt aus eigener Erfahrung.

Was raten Sie Leuten oder Gruppen, die Immersionprojekte in ihrem Kindergarten oder ihrer Schule vorantreiben wollen?

Netzwerken ist sehr wichtig. Wir vom GIFIL bieten gerne erste Hilfestellungen. Unser Multiplikator in NRW ist ein junger Professor in Köln, Armin Rohde. Der kann zum Beispiel Tipps geben oder vielleicht auch mal einen Vortrag halten. Außerdem rate ich, sich auch mal an die Industrie zu wenden. Zur Zeit ist das Klima für solche Sprachförderungsprojekte sehr günstig.

Woran machen Sie diesen Eindruck fest?

Zahlreiche Anfragen hier bei unserem Institut zeigen, dass gerade die Industrie an den Thema Zwei- und Mehrsprachigkeit sehr interessiert ist. In der Wirtschaft werden händeringend Kräfte gesucht, die zwei oder sogar drei Sprachen fließend sprechen können. Und dieser Trend wird sich in den nächsten Jahrzehnten noch verstärken. Das haben viele Unternehmen erkannt und setzen auf zukunftsorientierte Projekte. Im Oktober führe ich zum Beispiel Gespräche mit Vertretern des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) in Berlin. Das ist der Dachverband der 81 Industrie- und Handelskammern in Deutschland. Da geht es darum, wie wir das Thema Immersion in Deutschland vorantreiben können. Ab November kann man dann als Privatperson oder Schule Kontakt zu den örtlichen IHKs aufnehmen und fragen, welche Firmen Projekte unterstützen würden.

Welche Möglichkeiten gibt es außerdem sich zu informieren?

Wir bereiten gerade eine Plattform im Netz vor, auf der ab Mitte/Ende September auch Teilergebnisse unserer Immersions-Projekte an Hamburger Schulen vorgestellt werden sollen. An insgesamt drei Schulen wird ja bereits seit zwei Jahren immersiv unterrichtet. Außerdem kann man hier auch Tipps zur Fortbildung von Lehrern und Erzieherinnen im Bereich Immersion bekommen. Und wer möchte, kann sich in unseren Verteiler aufnehmen lassen und wird von uns regelmäßig über die neuesten Projekte informiert.

Wie lautet die Adresse?

www.innovative-teachers.de [Anmerkung der Verfasserin:Ebenso wie das GIFIL wird auch die Internetplattform von Microsoft unterstützt. Das sollte man im Hinterkopf haben, wenn hier Software und ähnliches angepriesen wird.]

Ist es denn unbedingt notwendig, dass man an den Schulen (oder Kindergärten) mit Muttersprachlern arbeitet? Davon gibt es ja gar nicht so viele und vor allen Dingen sind die meisten nicht entsprechend ausgebildet.

Nein, das ist nicht unbedingt notwendig. Im Kindergarten ist es sicher schön, wenn Sie einen Muttersprachler gewinnen können. Hier herrscht das System eine Person - eine Sprache vor und die Kinder erfahren das Englische noch durchs Spiel. In der Schule aber herrschen andere Voraussetzungen, hier muss ja auch der Lehrinhalt vermittelt werden. Und es gibt einfach zu wenig englische Muttersprachler, die über eine entsprechende Ausbildung verfügen. Wichtig ist, dass die Lehrer an den Schulen gut und international ausgebildet sind. Das heißt, sie müssen die englische Sprache fließend beherrschen und in der Lage sein, Sachkunde, Mathematik oder andere Fächer auf Englisch zu unterrichten. Nur so können auch die Kinder die Sprache wirklich fließend lernen.

Aber wenn ein Deutscher auf Englisch unterrichtet, macht er das doch immer mit einem Akzent ...

Akzentfrei sein, das ist nicht unbedingt notwendig. Eine Sprache fließend sprechen zu können, das ist wichtig. Im Übrigen sprechen auch die meisten Engländer nicht akzentfrei. (Sie lacht).

Wie wird das an den Schulen in Hamburg gehandhabt, an denen mit der immersiven Methode unterrichtet wird?

Wir haben zum einen gut ausgebildete junge Lehrer, die Auslandserfahrung haben und Englisch fließend sprechen. Außerdem setzen wir sogenannte assistent-teacher ein.

Was sind assistent-teacher?

Das sind zum Beispiel junge Muttersprachler, die hier in Hamburg studieren und die am Unterricht teilhaben und den Lehrer unterstützen.

Unterstützt GIFIL auch Projekte, bei denen die Immersion als Mittel der Integration gebraucht wird? Also zum Beispiel deutsch-türkische Kindergärten?

Ja, da gibt es auch Kontakte, wobei da nicht unser Schwerpunkt liegt. Ich sage auf jeden Fall immer, dass zu Hause die Muttersprache gestärkt werden muss: Durch Lesen, Gespräche, Spiele, eben alles, was den Spracherwerb stützt und fördert. Es zeigt sich immer wieder: Erst wenn die erste Sprache sitzt, kann auch die nächste Sprache gut gelernt werden. Das ist eben auch das Problem vieler Migranten, das sie weder die Sprache ihrer Familie noch die deutsche Sprache richtig beherrschen. Die Immersion funktioniert in diesem Falle in einem zweisprachigen Kindergarten nach beiden Seiten: die Muttersprache wird durch die türkischen Erzieherinnen gestärkt und so kann auch das Angebot der deutschen Erzieherinnen besser angenommen werden.

GIFIL setzt bei seinen Projekten sehr stark auf die englische Sprache. Was halten Sie denn davon, wenn ein Kindergarten sagt: Gut, ich habe zwar nicht die Möglichkeit eine englischsprachige Erzieherin einzustellen, ich habe aber eine Fachkraft, die kommt aus Polen und die kann jetzt mit der immersiven Methode den Kindern ihre Sprache und ihre Kultur nahe bringen. Einfach, um die Weltoffenheit der Kinder zu stärken.

Es ist die Frage, was Sie erreichen wollen. Wenn Sie wirklich die Zweisprachigkeit des Kindes anstreben, dann bringt so etwas nichts. Denn die Sprache setzt sich ja in der Schule nicht fort und kommt nicht zur Anwendung. Wenn es natürlich einfach nur darum geht, die Neugier auf Sprachen und andere Kulturen zu wecken, kann das schon ein Weg sein. Oder wenn es in dem Kindergarten viele Kinder mit polnischen Migrationshintergrund gibt. Aber ich persönlich glaube, dass die meisten Kinder so etwas auch so mit bekommen, einfach, weil sie Schulkameraden haben, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben als sie. Das ist ja heute ganz normal.

GIFIL unterstützt bereits seit zwei Jahren die immersive Methode an zwei Hamburger Grundschulen und einer Gesamtschule. Wie sind hier bisher Ihre Erfahrungen?

Die sind sehr, sehr positiv. Ich kann aus eigenem Erleben sagen, dass die Kinder an diesen Schulen sehr weltoffen, neugierig und selbstbewußt sind. Ab der dritten Klasse lesen sie auf deutsch und englisch, mit zehn Jahren sind sie zweisprachig. Und sie haben keine Hemmung, sich in der englischen Sprache auszudrücken.

Und was kann ein Erwachsener tun, wenn er seine Sprachen auffrischen will und auch beruflich mehr nutzen will? Bietet Ihr Institut dafür Hilfe?

Nein, darin sehen wir nicht unsere Aufgabe. Mein Tipp ist da einfach: Erkundigen Sie sich vor Ort nach entsprechenden Angeboten: Sprachcoaches sind eine Möglichkeit, mit denen können Sie gemeinsam die Freizeit auf Englisch (oder in einer anderen Sprache) gestalten: In Ausstellungen gehen, das Kino besuchen und so weiter. Auf Englisch lesen, Fernsehen und Radio hören ist ebenfalls eine gute Hilfe, sich eben einfach rundum mit der fremden Sprache umgeben und in ihr baden, ganz so, wie es die Immersion vorsieht. Bei Jugendlichen, die keine bilinguale Schule besuchen, bieten sich Auslandsaufenthalte an oder später ein Studium oder eine Zeit im Ausland als Au Pair. Allerdings ist man als Erwachsener einfach nicht mehr so vital wie als Kind. Kinder erfassen die Sprache intuitiv, als Erwachsene müssen wir sie uns erst schwer kognitiv erarbeiten. Deshalb ist es eben so wichtig, möglichst früh mit einer anderen Sprache zu beginnen. Es ist quasi ein Geschenk für die Kinder.

Stand: 25. August 2006

Das Interview mit Gila Hoppenstedt führte Christine Denda für die Gingko-Foundation.

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