| Immersion: Migrantenkinder gewinnen an Selbstvertrauen
Bilinguale Forschungsprojekte in Schwäbisch Gemünd und Tübingen
Professor Thorsten Piske von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd betreut zwei Forschungsprojekte über die Immersionsmethode in bilingualen Kindergärten. Worum geht es bei Ihren Forschungsprojekten? Wir untersuchen an zwei Kindergärten in Schwäbisch Gmünd und in Tübingen, wie sich der Ansatz der frühen partiellen Immersion bei Kindergartenkindern z.B. auf das Erlernen des englischen und deutschen Wortschatzes sowie der englischen und deutschen Grammatik auswirkt, wobei wir auch Kinder aus deutschsprachigen Familien mit Kindern aus Migrantenfamilien vergleichen. Wie arbeiten die beiden Kindergärten? In Schwäbisch Gmünd gibt es eine Kita, an der eine unserer Mitarbeiterinnen jeden Tag für etwa zwei Stunden ausschließlich Englisch mit den Kindern spricht. Sie ist zwar keine Muttersprachlerin, verfügt aber über eine sehr hohe Kompetenz im Englischen und hat darüber hinaus Englisch für das Grundschullehramt studiert. In Tübingen werden die Kinder wie bei Ihrem Projekt von einer englischen Muttersprachlerin betreut, die jeden Vormittag vier Stunden im Kindergarten verbringt. Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit Kindern mit Migrationshintergrund gemacht? Ich bekomme bisher nur positive Rückmeldungen. Eine Erzieherin berichtete mir, dass die Kinder enorm an Selbstvertrauen gewinnen, da sie in Bezug auf das Englische zum ersten Mal mit den deutschen Kindern auf gleicher Augenhöhe sind, und die Teilhabe an der Gruppe nicht ausschließlich über die deutsche Sprache läuft. Zentral ist aber, dass die Kinder die Möglichkeit bekommen, jede Sprache, die sie lernen, ausreichend zu sprechen. Das bedeutet, dass sie zuhause z.B. auf jeden Fall ihre Mutter- bzw. Familiensprache sprechen sollten. Warum? Es besteht die Gefahr, dass Semilingualismus bzw. doppelte Halbsprachigkeit entsteht, das heißt, dass sich längerfristig keine der Sprachen, die die Kinder lernen, altersgemäß entwickeln könnte, wenn gerade die Mutter- oder Familiensprache nicht ausreichend unterstützt wird. Deshalb geben wir Eltern immer den ausdrücklichen Rat, zu Hause möglichst nur die Muttersprache, zum Beispiel Türkisch, zu sprechen und zu fördern, durch Vorlesen, gemeinsames Erzählen oder Singen. Im Kindergarten werden dann die beiden Sprachen Deutsch und Englisch verwendet, und außerhalb von Kindergarten und Familie nur deutsch gesprochen. Wenn alle Beteiligten ihre Rolle ernst nehmen und gut und viel mit dem Kind sprechen, dann kann es nur profitieren! Auch für deutsche Eltern, die ihr Kind in einen bilingualen Kindergarten schicken, gilt: Eltern sollen die Familiensprache und nicht etwa Englisch sprechen! Sie haben in Altenholz bei Kiel schon Erfahrungen gesammelt - was bringt Kindern eine dreijährige bilinguale Kindergartenzeit mit der Immersionsmethode? Erstens natürlich die Entwicklung einer größeren Sprachbewusstheit, als man sie bei einsprachig aufwachsenden Kindern findet, zweitens zeigen die Kinder aber auch schnell eine ausgeprägte Neugier gegenüber der fremden Sprache und Kultur. Es wird ein Grundstein gelegt. Die Kinder erlangen ein bemerkenswertes Sprachverständnis im Hinblick auf die Fremdsprache und wenden in Gesprächen vor allem häufig gehörte Floskeln auch schon aktiv an. Die Fähigkeit, die Fremdsprache wirklich frei zu sprechen, entwickelt sich allerdings zumeist erst dann, wenn die Kinder während der Grundschulzeit bilingual weiter betreut bzw. unterrichtet werden. Es ist also ein Trugschluss zu glauben, man müsse nur drei Jahre Immersion im Kindergarten praktizieren, und damit wäre automatisch alles getan, und die Kinder könnten dann prima Englisch in der Schule lernen! Im Gegenteil: die Immersionsmethode muss in der Schule weitergeführt werden, das heißt, dass so viele Fächer wie möglich auf Englisch oder in einer anderen Fremdsprache unterrichtet werden. In Altenholz bei Kiel erfolgt der Unterricht z.B. zu etwa 70% auf Englisch, und dort haben wir die schöne Erfahrung gemacht, dass die Kinder das auch so wollten. Nach der Grundschulzeit gab es dort am Anfang eine Zeitlang einen Bruch beim Wechsel zum Gymnasium, und die Kinder haben ganz massiv eingefordert, dass sie weiterhin in mehreren Fächern auf Englisch unterrichtet werden wollten. Stand: 24. November2006 Das Interview mit Professor Thorsten Piske führte Elisabeth Herles für die Gingko-Foundation. [Download:Immersion und Migranten] [Zurück zur Seite "Fragen&Antworten]
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