„Wir sind Einzelkämpfer.“
Bilingualen Sprachkonzepten mangelt es an politischer Unterstützung
Noch in den 60-ziger Jahren herrschte eine völlig andere Auffassung davon, wie Sprachen erlernt werden sollten. Die Forschung war geprägt durch den Behaviorismus. Auswendiglernen und Wiederholung waren beliebte Sprachlernmethoden. Es war die Blütezeit der Sprachlabors. Ende der 60er Jahre kamen dann erste Studien heraus, die aufzeigten, dass die Zweitsprache ganz ähnlich erlernt wird wie die Muttersprache. Dadurch setzte eine langsame Veränderung ein. Was heißt das? Es hat sich gezeigt, dass kleine Kinder ganz bestimmte Entwicklungsstadien durchlaufen, wenn sie eine Sprache erlernen. Das heißt, sie setzen die Sprache auf ganz bestimmte Art und Weise zusammen und erarbeiten sie sich dadurch nach und nach. Diese Entwicklungsstadien sind für alle Kinder gleich und müssen alle durchlaufen werden. Nur die Geschwindigkeit kann dabei variieren. Gibt es zum Zweitsprachenerwerb neuere Forschungsarbeiten? In den letzten Jahren sind verstärkt Untersuchungen in bilingualen Kindergärten und teilweise auch in Grundschulen durchgeführt worden. Umfangreiche Daten gibt es zum Beispiel aus der immersiven Kita und Grundschule in Kiel/Altenholz. An diesen Arbeiten war ich selber wissenschaftlich beteiligt. Dort waren die Kinder am Ende der Kindergartenzeit in der Lage, dem Sachfachunterricht in der weiterführenden Grundschule zu folgen. Allerdings liefen und laufen in der dortigen Tagesstätte große Teile des Tages auf Englisch ab. Es gibt also einen sehr intensiven Kontakt mit der fremden Sprache. Wenn man bloß einen Tag in der Woche auf diese Weise mit der englischen Sprache in Berührung kommt, wird man bei weitem keine so guten Ergebnisse erzielen. Und um die Adaption des Englischen zu verbessern, sind wir schließlich über unseren ersten Forschungsansatz hinausgegangen. Wie sah das aus? Wir haben uns gefragt: Wie muss ein Unterricht aussehen, damit die englische Sprache optimal gelernt und angenommen wird? So haben wir nach und nach Unterrichtsmaterialien entwickelt. Dabei unterstützte uns auch das GIFIL (German Institute for Immersive Learning) in Hamburg. Dort bemüht man sich jetzt, Unterrichtsmaterialien für den englischen Sachfachunterricht zusammenzustellen und online verfügbar zu machen. Gibt es sonst Materialien, die sich speziell für die Grundschule zum Einstieg in die Materie eignen? Ja, da ist gerade ein Buch Anfang dieses Jahres [März 2006] herausgekommen. Es wurde von Manfred Pienemann herausgegeben, Professor an der Paderborner Universität und ein führender Forscher beim Zweitsprachenerwerb. Der Buchtitel: Manfred Pienemann, Jörg Keßler, Eckhard Roos „Englischerwerb in der Grundschule“, Schöningh UTB. Wie muss denn – Ihren Forschungen zu Folge – guter immersiver Unterricht aussehen? Zum einen gilt - ganz unwissenschaftlich – der Unterricht steht und fällt mit den Leuten, die ihn anbieten. Auch der althergebrachte Frontalunterricht, das heißt. der Lehrer steht vorne und spricht, die Klasse als Ganzes hört zu – kann sehr erfolgreich sein, sofern der Unterrichtsstoff interessant und authentisch ist. Was ist „authentischer Unterricht“? Authentischer Unterricht richtet sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Kinder aus. Er stellt ihnen Aufgaben, die mit ihrem Alltag zu tun haben. Er ist handlungsorientiert, das heißt, die Kinder müssen Eigeninitiative entwickeln, um Aufgaben zu lösen. Der Begriff des aufgabenorientierten Lernens stammt aus dem Englischen. Da heißt es: Task-Based Learning. Und wie sieht authentischer Unterricht in der konkreten Umsetzung aus? Es kann zum Beispiel sein, dass eine Grundschulklasse plant, demnächst in eine andere Stadt zu fahren, um das dortige Museum zu besuchen. Dann kann der Lehrer die Aufgabe stellen, Informationen über die Stadt heraus zu suchen, den Stadtplan zu besorgen und herauszubekommen, wie man am Besten und schnellsten das Museum in dieser Stadt erreicht. Das funktioniert alles auch auf Englisch. Wie haben Sie in Kiel/Altenholz die Umsetzung dieser Ideen erlebt? Am Anfang lief alles super. Die Kinder machten rasche Fortschritte und hatten große Lernerfolge. Im Kindergarten gab es ohnehin kaum Probleme, weil hier der Gestaltungsspielraum viel größer war als später in der Schule mit all ihren politischen Vorgaben und Lehrplänen. Ab der Grundschule wurde alles problematischer und es gab auch viel mehr Widerstände zu überwinden. Auf politischer Seite wusste man zwar, dass das Konzept der Immersion funktioniert – das lässt sich nachweisen – doch trotzdem gab und gibt es Widerstände. Ich glaube, man hat vor einer Elitebildung Angst. Aber es kann nicht sein, dass die Schwachen den Leistungsstandard bestimmen. Im Gegenteil: Der Leistungsstandard muss hoch sein und den schwächeren Schülern muss geholfen werden, ihn ebenfalls zu erreichen. Und hier versagt die Politik? Ich denke, die Politik kommt hier ihrem Bildungsauftrag nicht nach. Vielleicht ist auch alles noch zu neu. Ich habe zahlreiche Praktika betreut, bei denen es um Bilingualismus ging. Da zeigte sich immer wieder: Viele Leute sind da hineingerutscht, sollten bilingual unterrichten und wussten gar nicht, wie sie es machen sollten. Sie waren schlichtweg überfordert. Können hier die neuen Studiengänge helfen, bei denen es um Englisch bzw. Fremdsprachenvermittlung in der Grundschule geht? Die sind sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings setzen sie zwar bilinguale Erfahrungen voraus, Auslandsaufenthalte sind aber nicht zwingend erforderlich. Das mindert natürlich meist den Grad der Sprachfähigkeit. Aber Bochum zum Beispiel oder auch Bremen bieten gute Studiengänge in diesem Bereich. Wieviel Prozent des Schulunterrichtes sollte auf Englisch ablaufen, um ein gutes Ergebnis zu erzielen? Nach dem kanadischen Immersions-Kriterium müssen 50 Prozent des Schulunterrichtes auf Englisch ablaufen. Sonst bringt das Ganze nicht die erhoffte Sprachkompetenz. Ist es denn wirklich so, dass, wenn man die frühen Zeitfenster zum Lernen einer Sprache verpasst, man diese nie wieder so gut wie in der Kinderzeit lernen kann? Oder gibt es wissenschaftlich gesehen auch `erwachsene Ausreißer´, deren sprachliches Lernfenster geöffnet bleibt? Das ist eine komplexe Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist. Sicherlich gibt es diese sprachlichen Ausreißer, die auch noch im Erwachsenenalter eine Sprache fließend lernen. Will man jedoch eine Sprache möglichst ohne Sprachakzent lernen, so muss der Spracherwerb noch vor der Alphabetisierung einsetzen Und was ist nun die Grundvoraussetzung, damit immersive Konzepte erfolgreich umgesetzt werden können? Zunächst einmal müssen alle Beteiligten an den Erfolg des Projektes glauben. Das klingt jetzt aber nicht sehr wissenschaftlich ... (Andreas Rohde lacht). Ich weiß. Aber das spielt durchaus eine Rolle. So ein immersives Konzept umzusetzen, das läuft nicht so nebenbei. Es ist sehr viel Engagement von Nöten, das hat sich auch in Kiel gezeigt. Es mussten zahlreiche Probleme überwunden werden. Viele Lehrer empfanden das immersive Konzept als Bedrohung, fühlten sich überflüssig. Wichtig ist vor allem, dass man versteht, was beim immersiven Unterrichten passiert, dass viele Zusammenhänge aus dem Kontext her bereits verstanden werden und die Sprache z..T. nur Begleitinstrument ist. Und was muss noch gegeben sein für einen optimalen immersiven Unterricht? Tendenziell lässt sich eines sagen: Wer die eigene Muttersprache nicht altersgemäß beherrscht, wird auch Probleme bei der Immersion bekommen. Deshalb muss die Muttersprache von klein auf gefördert werden, vor allem durch das frühe Vorlesen. Die Sprachforschung zeigt ganz klar, dass verschiedene Sprachen nicht losgelöst voneinander existieren, sondern das sie miteinander vernetzt sind. Die Erkenntnis, dass eine fremde Sprache die Welt anders aufteilt, erweitert den Horizont der Kinder und macht sie flexibler. Sprache und Kognition hängen sehr eng zusammen. Sie müssen sich das so vorstellen: die Sprache ist wie ein Browser durch das eigene Gehirn. Mit unterschiedlichen Browsern, sprich: Sprachen erreicht man dann auch ganz andere Hirnregionen und erschließt sich neue Felder. Lässt sich diese größere geistige Beweglichkeit auch nachweisen? Die deutsch-französischen Programme im Elsass weisen z.B. darauf hin, dass zweisprachige Kinder Vorteile in der Mathematik haben. Worauf dieser Vorteil im Einzelnen zurückzuführen ist, ist bisher noch nicht bekannt. Was die Flexibilität im Umgang mit ungewohnten Situationen generell anbetrifft, haben wir in Kiel mit bilingualen und monolingualen Kindern ein Experiment durchgeführt. Den Kindern wurden verschiedene Gegenstände vorgelegt. Ein Gegenstand davon war vertraut, zum Beispiel eine Kerze, die anderen Gegenstände waren unbekannt und hatten erfundene Bezeichnungen. Die monolingualen Kindern stiegen früh aus dem Experiment aus. Sie waren weder bereit, sich mit diesen fremden Gegenständen auseinanderzusetzen, noch deren fremdartige Bezeichnung zu akzeptieren. Ganz anders die bilingualen Kinder, sie hatten damit keine Probleme. Wahrscheinlich, weil sie daran gewöhnt waren, dass Gegenstände mit Begriffen bezeichnet werden, die sie noch nicht kennen und die fremdartig klingen. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann kann diese geistige Flexibilität mit jeder Sprache erreicht werden, die man im frühen Kindesalter lernt. Würden also Türkisch oder Plattdeutsch im Kindergarten immersiv angeboten, würde sich diese Flexibilität auch einstellen? Nach allem, was wir wissen, trifft das zu. Hauptsache, die Kinder werden sprachlich herausgefordert. Vielleicht könnte das auch ein Weg sein, die Grundidee von Immersion voranzutreiben. Englisch ist ja nicht unkontrovers. Es gibt etliche Menschen, die ein gespanntes Verhältnis zu dieser Sprache haben, weil sie die vermeintliche Amerikanisierung unserer Kultur als Bedrohung empfinden. Der Irak-Krieg hat das sicher noch verstärkt. Die Förderung der englischen Sprachkompetenz in Deutschland hat teilweise skurrile Nebenwirkungen. Wie meinen Sie das? Sie glauben gar nicht, was die Zeitungen manchmal. für Leserbriefe zur Immersion drucken, wenn wir etwas zum Thema veröffentlichen. Die sind zum Teil ungeheuerlich, und gehen bis ins Nationalistische hinein. Das hat dann den Tenor "ein Land – eine Sprache". Viele reden auch von der Pflege der deutschen Sprache, ohne eine Ahnung zu haben, was das eigentlich bedeutet. Aber Sie sind trotzdem von Ihrer Arbeit überzeugt? Ja, absolut. Die Erfolge sind motivierend. Zur Zeit bin ich gerade bei einem Grundschulprojekt in den neuen Bundesländern involviert. Seit 2005 wird in Magdeburg eine deutsche internationale Grundschule (DIG) betrieben. Die ist von Anfang an dreisprachig: Deutsch, französisch und englisch. Und was können Eltern oder Schulen machen, die in NRW eine bilinguale Grundschule auf den Weg bringen wollen? Denen stehe ich als Ansprechpartner gerne zur Verfügung. Im Bereich der bilingualen Sprachförderung sind wir doch letztlich alle noch Einzelkämpfer, da muss man zusammenarbeiten. Unterstützung auf nationaler und europäischer politischer Ebene gibt es jedenfalls keine, so weit mir bekannt ist. Stand: 24. November 2006 Das Interview mit Professor Andreas Rohde führte Christine Denda für die Gingko-Foundation. [Zurück zur Seite "Fragen&Antworten]
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