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Englisch in Venlo und Turbo-Abi bilingual
Das Düsseldorfer Goethe-Gymnasium
und sein bilingualer Zweig
Interview mit Wolfgang Rosnowski, Lehrer für Englisch und Erdkunde und
Koordinator des bilingualen Zweiges am Goethe-Gymnasium in Düsseldorf/
Flingern.
Seit fast zwanzig Jahren arbeitet Ihr Gymnasium bilingual. Wie hoch ist der
Anteil der bilingualen Kinder an Ihrer Schule?
Die Kinder, die am bilingualen Zweig teilnehmen, haben im 5. und 6. Schuljahr
zwei zusätzliche Stunden Englisch in der Woche, also insgesamt 6 Wochenstunden
Englisch. Ab der 7. Klasse werden neben dem Sprachunterricht auch Sachfächer
auf Englisch unterrichtet. Wir beginnen mit Geografie, in der Mittelstufe kommen
Geschichte und Politik dazu. Seit dem vergangenen Schuljahr haben wir naturwissenschaftliche
Module eingeführt, dabei werden die Schüler und Schülerinnen
in Chemie, Biologie und Mathematik über einen Zeitraum von mehreren Wochen
auf Englisch unterrichtet.
Wie viele Kinder nehmen am bilingualen Zweig teil?
Der liegt bei circa 50 Prozent. Jedes Jahr haben wir etwa 120 Anmeldungen.
Davon bilden wir vier Klassen; davon zwei normale und zwei bilinguale.
Sind die bilingualen Klassen kleiner als die anderen?
Nein, die Klassen sind alle ungefähr gleich groß.
Müssen die Kinder, die am bilingualen Zweig teilnehmen, besondere Fähigkeiten
mitbringen?
Grundsätzlich ist eigentlich jedes Kind, das zu uns mit einer Gymnasialempfehlung
kommt, geeignet am bilingualen Unterricht teilzunehmen. Aber wir fragen bei
der Anmeldung schon nach, ob ein Kind Interesse an Sprachen zeigt, beispielsweise
beim Englisch-Unterricht in der Grundschule. Auch eine gute Note im Fach Deutsch
kann ein Indiz dafür sein, dass das Erlernen des Englischen leichter fällt.
Und Kinder, die in die bilinguale Klasse kommen, sollten sprachlich nicht zu
schüchtern sein. Denn natürlich spielt das Mündliche später
auf Englisch erteilten Fächern eine besondere Rolle.
In der fünften und sechsten Klasse haben die bilingualen Schüler
mit insgesamt sieben Wochenstunden Englisch zwei Stunden mehr Unterricht in
der Fremdsprache als die nicht-bilingualen Schüler. Nehmen sie da mehr
Stoff durch?
Nein, bis auf kleinere Ausnahmen nehmen sie den gleichen Stoff durch wie die
Schüler der so genanntenRegelklassen. Aber sie haben mehr Zeit dazu
und können Dinge und Themen vertieft angehen.
Und wenn in der siebten Klasse das erste Sachfach (Erdkunde) auf Englisch
unterrichtet wird, kommt die große Leistungsexplosion?
Rosnowski lacht. Ja und nein. Viele zeigen sofort erfreuliche Leistungen,
aber das ist nicht bei Allen so. Denn in der siebten Klasse schlägt meist
die Pubertät schon voll zu und da lässt nicht nur im Englischen die
Leistungsbereitschaft bei Manchen doch etwas nach.
Haben Sie Rückmeldungen von ehemaligen Schülern darüber, ob
ihnen
die vertieften Englischkenntnisse nach der Schulzeit nutzen?
Ja, solche Rückmeldungen gibt es. Einige ehemalige Bilinguale haben uns
erzählt, dass sie zum Beispiel bei Bewerbungsgesprächen oft auf
ihren bilingualen Abschluss angesprochen worden sind. Wir geben unseren Abiturienten
ein zweisprachiges Zertifikat mit auf den Weg. Daran sind potentielle Arbeitgeber
anscheinend sehr interessiert. Und englische Fachlektüre
im Studium bereitet unseren bilingualen Abiturienten auch kein Problem.
Sie sprechen vom „bilingualen Abschluss“. Gibt es dafür eine
anerkannte Bescheinigung, gleichzusetzen etwa mit dem „Abibac“ an
bilingualen deutsch-französischen Gymnasien ? [Das Abibac wird seit 1994 sowohl in
Deutschland, als auch in Frankreich als Hochschulreife vollwertig anerkannt.
Absolventen des Abibac können so ohne Probleme an Universitäten des
jeweils anderen Landes studieren.]
Nein, so weit sind wir leider noch nicht. Die Arbeitsgemeinschaft der bilingualen
Gymnasien in NRW hat zwar Kontakt zum British
Council in Düsseldorf, die unseren bilingualen Standard und was wir damit
leisten, schriftlich anerkennen. Aber ein Zertifikat, das vergleichbar wäre
mit dem Abibac gibt es leider noch nicht. Aber wir geben nicht auf und bleiben
am Ball.
Das sogenannte Turbo-Abi ist in aller Munde. Hat die verkürzte Schulzeit
Auswirkungen auf den bilingualen Zweig?
Also, der bilinguale Zweig bleibt auch mit dem Turbo-Abi auf allen Stufen
bestehen, das steht außer Frage. Aber ebenso wie die Lehrer anderer Fächer,
die nicht bilingual arbeiten, stehen wir vor dem Problem: Wie schaffen wir es, unseren Stoff in der verkürzten
Zeit durch zu nehmen und gleichzeitig auch das Englische zu stärken? Gerade
in der Oberstufe müssen wir und andere bilinguale Schulen hier neue Konzepte
entwickeln. Das Problem hierbei ist, dass die endgültige Ausgestaltung der
Oberstufe noch garnicht genau bekannt ist.
Haben Sie auch ein Austauschprogramm für die Bili- Schüler?
Ja, seit Jahren haben wir einen sehr erfolgreichen und regelmäßigen
Kontakt mit einer Schule in Venlo.
In Venlo?
Ja. Dort gibt es ebenfalls eine Schule, die bilingual arbeitet, sogar noch
intensiver als wir. Hier finden in der siebten Klasse regelmäßige
Kontakte statt. Auf beiden Seiten wird eine Klasse geteilt, die eine Hälfte
fährt nach Venlo und nimmt dort am Unterricht teil, die andere kommt zu
uns in den Unterricht. Und nach zweieinhalb Tagen wird getauscht.
Und wie sind Ihre Erfahrungen?
Sehr gut! Die Schüler lernen hier etwas, was sie später auch im
Berufsleben in ähnlicher Weise
anwenden müssen: das Englische als Verkehrssprache zu nutzen und zwar
nicht nur gegenüber Personen, die aus England stammen.
Gibt es mit anglophonen Ländern auch einen Austausch?
Ja, natürlich. In der 10. Klasse haben wir einen Schüleraustausch
mit einer Middle School in Spalding bei Cambridge in England. Und in der 11.
Klasse gibt es die Möglichkeit zu einem zweiwöchigen Aufenthalt in Cleveland/Ohio.
Gehen viele bilinguale Schüler nach der 10. Klasse für längere
Zeit ins Ausland?
Also, etwa zehn Prozent eines Jahrgang nutzen die Gelegenheit für einen
halb- oder einjährigen Auslandsaufenthalt. Aber diese Zahl bezieht sich
auf alle Schüler eines Jahrgangs, nicht nur auf die Bilingualen. Beliebt
sind hier zur Zeit Australien, Neuseeland oder Kanada.
Kommt es denn vor, dass Schüler, die vorher nicht in den bilingualen
Klassen waren, nach einem solchen Auslandsaufenthalt in die bilinguale Klasse
wechseln?
Ja, das kommt vor. Ebenso kennen wir Schüler, die zu Beginn des bilingualen
Zweiges der
Oberstufe `abspringen´ und sagen: `So, jetzt ist mein Englisch gut genug, ich
setze andere Schwerpunkte.´ In der Mittelstufe ist ein solcher
Wechsel in beide Richtungen auch möglich, aber eher selten.
Sie haben von der wichtigen Rolle gesprochen, die das Mündliche beim
bilingualen Unterricht spielt. Wie sieht es mit dem geschriebenen Englisch
aus?
Rosnowski schmunzelt. Ja, da müssen wir manchmal Überzeugungsarbeit
leisten. Das Hör- und Leseverstehen ist bei den Meisten recht gut entwickelt
und wird von den Schülern mit Stolz wahrgenommen. Das Ganze dann aber sprachliche
korrekt und richtig buchstabiert aufs Papier bringen zu müssen, wird mitunter
als fast ùnter der Würde´empfunden, besonders in der Mittelstufe. In der Oberstufe
stelle ich dann aber oft erstaunt fest, dass englische Klausuren im Sachfach
zum Teil besser zu lesen sind, als auf Deutsch verfasste.
Welche Rolle spielen die Englischkenntnisse, die die Kinder in NRW seit einigen
Jahren in der Grundschule ab der 3. Klasse erwerben?
Dazu kann ich aus persönlicher Erfahrung nicht so viel sagen, da ich
in den letzten beiden Jahren nicht in der Unterstufe unterrichtet habe. Die
Rückmeldungen
meiner Kollegen aber sind sehr positiv. Sie erzählen, dass die Kinder
sehr gut vorbereitet
in die weiterführende Schule kommen, wobei die Schwerpunkte von Grundschule
zu Grundschule natürlich anders gesetzt werden. Aber insgesamt haben wir
alle hier großen Respekt vor dem, was die Grundschullehrer in Punkto
Englisch leisten.
Stand: April 2008
Das Interview mit Wolfgang Rosnowski führte Christine Denda für
die Gingko-Foundation.
[Download: Englisch in Venlo und Turbo-Abi bilingual
]
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