| „Früher Fremdsprachenerwerb ist richtig und wichtig"
Studie belegt: Kinder dadurch nicht überfordert Erika Werlen ist Professorin für Linguistik an der Zürcher Hochschule Winterthur. Sie leitet dort das Departement Angewandte Linguistik und Kulturwissenschaften. Von 1999 bis 2004 hat sie an der Universität Tübingen die sogenannte WIBE-Studie zum frühen Fremdsprachenerwerb von Kindern geleitet. Frau Prof. Werlen, was bedeutet WIBE? WIBE steht für wissenschaftliche Begleitung. Mit der WIBE-Studie wurde die Pilotphase des Fremdsprachenunterrichts in den baden-würtembergischen Grundschulen wissenschaftlich begleitet. 1999 wurde dort Englisch und Französisch ab der ersten Klasse eingeführt. Unsere Untersuchung von der Universität Tübingen begann 1999 und war auf fünf Jahre angelegt. Wir haben vier Jahre Material gesammelt und dann wurde uns im fünften Jahr vom Kultusministerium das Geld gestrichen, so dass wir mit unseren Daten da saßen und sie nicht wirklich auswerten konnten. Schade, denn das war von der damaligen Ministerin Annette Schavan mit dem richtigen politischen Gespür ins Leben gerufen worden. Welche Aufgaben hatte denn diese Studie? Die erste Aufgabe war heraus zu finden, wie Kinder auf frühen Fremdsprachenunterricht reagieren. Es gibt diesen Überforderungsmythos, der besagt, dass die Kinder erst dann mit einer Fremdsprache konfrontiert werden sollen, wenn sie den Schrifterwerb der Muttersprache abgeschlossen haben. Dieser Überforderungsmythos hält sich leider immer noch in zu vielen Köpfen. Sind Kinder mit frühem Fremdsprachenerwerb denn überfordert? Die Antwort ist hier ein ganz klares Nein. Unsere Studie zeigt deutlich: Es ist richtig und wichtig, möglichst früh mit dem Fremdsprachenerwerb zu beginnen. Und wie lernen Kinder am besten eine Fremdsprache? Reflektiert und kognitiv: Sie möchten Ordnung schaffen, sie konstruieren ihre Sprache und das schon sehr früh. Es ist nicht so, dass sie einfach alles aufsaugen wie ein Schwamm, sondern sie haben eine sehr subtile und intensive Beobachtungsgabe. Außerdem können sie sehr gut zwischen simuliertem und authentischem Sprechen unterscheiden. Deshalb funktioniert das Prinzip der „bilingual education“ auch so gut, weil es handlungsbegleitend abläuft und authentisch ist. Möchte man in der Grundschule abstraktere Worte, zum Beispiel Gefühle oder moralische Begriffe erklären, wird es schwieriger, da man nicht alles handlungsbegleitend erklären kann. Aber auf alle Fälle haben Kinder das Ziel, eine Fremdsprache so zu lernen, dass sie sie selbst anwenden können. Was war die zweite Aufgabe der WIBE-Studie? Es ging darum, Bildungsstandards für den frühen Fremdsprachenerwerb zu entwickeln, also herauszufinden, welche Ziele soll der Fremdsprachenunterricht erreichen. Der Reformpädagoge Hartmut von Hentig war damals auch in unserer Kommission und von ihm stammt der schöne Satz “Bildung stärkt den Menschen“. Es geht in der Schule nicht darum, einen Kanon aufzubauen, sondern Schule ist dazu da, Kompetenz aufzubauen. Ganz zentral ist auch, dass das ganze organisch funktioniert, dass kein Leistungsbruch zwischen dem vorschulischen Bereich, der Primarstufe und der weiterführenden Schule besteht. Dies bezeichnet man auch als vertikale Kohäsion, die letztlich die gesamte Bildungsbiografie der Lernenden umfasst. Was halten Sie von der Immersionsmethode im Kindergarten? Ich finde das ausdrücklich begrüßenswert! Ich spreche aber lieber von „bilingual education“, statt von Immersion, da der Begriff Immersion wissenschaftlich nicht klar bestimmt ist. Der Kern ist aber, dass man sich die Sprache über Inhalte erschließt. Ganz wichtig wäre dann zu schauen, das die Kinder nach drei Jahren bilingualem Kindergarten in der Grundschule dort abgeholt werden, wo sie stehen und kein Bruch entsteht. Analog dazu müsste dann der Übergang auf die weiterführende Schule gestaltet werden. Ich denke, Sie werden in Ihrem Kindergarten auch die Erfahrung machen, dass die Kinder nicht überfordert sind. Woher kommt denn die Methode der „bilingual education“? Das Prinzip „eine Person, eine Sprache“ wurde 1913 von dem französischen Arzt Ronjat formuliert. Er war von zweisprachigen Familien in seiner Umgebung angesprochen worden, wie sie denn am besten ihre Kinder erziehen sollten und da hat er ihnen den Rat gegeben, dass ein Elternteil jeweils seine Sprache mit dem Kind spricht- möglichst ausschließlich. Sie sagten,dass Sie nach vier Jahren Forschung mit den Daten der WIBE-Studie da saßen - was passiert jetzt mit diesen Erkenntnissen? Es gibt einen 240-seitigen Schlussbericht, der jetzt veröffentlicht wird. Außerdem fließen die Daten in ein neues europäisches Forschungsprojekt ein, das hier in Zürich an der Uni Winterthur, aber auch in anderen Städten stattfindet. Da geht es um die vertikale Kohäsion. Anders ausgedrückt: was ist der rote Faden, durchs ganze Leben hindurch, der uns Sprachen lernen lässt. Das ist im europäischen Kontext und dem Zusammenwachsen der EU natürlich ganz wichtig. Stand: 11. November 2006 Das Interview mit Prof. Erika Werlen führte Elisabeth Herles für die Gingko-Foundation. [Download:Früher Fremdsprachenerwerb ist wichtig] [Zurück zur Seite "Fragen&Antworten]
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