Immersion braucht eine Lobby

Neue Wege für die Bildungspolitik

Professor Henning Wode, Jahrgang 1937, ist emeritierter Professor an der Kieler Universität. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit dem Zweitsprachenerwerb, insbesondere bei Kindern, und setzt sich für Immersionsunterricht nicht nur in Deutschland ein. Zur Zeit arbeitet er an einem Buch über den Einsatz von Immersion in Kindergärten und Schulen.

Professor Wode, warum ein Buch zum Thema Immersion?

Ich stelle immer wieder fest, dass in der Öffentlichkeit, und selbst bei Eltern und Lehrern eine riesige Wissenslücke klafft. Die will ich schließen helfen. Es geht um die Vorteile und die Notwendigkeit einer frühen Fremdsprachenerziehung. Ich finde einfach, dass sich viele Eltern mit einer katastrophalen Bildungspolitik abspeisen lassen. Schauen Sie sich die schlechten PISA-Ergebnisse an. Ich bin überzeugt, wenn sich da nichts ändert, droht Schlimmes. Denn wie sollen die Kinder international konkurrenzfähig sein, wenn ihre Schulbildung im Ländervergleich noch nicht einmal Durchschnitt ist?

Sie besitzen jahrzehntelange Erfahrung bei der Erforschung des frühen Fremdsprachenerwerbs. Und Sie gelten als Vorreiter bei der Einführung und Ausarbeitung von immersiven Konzepten für den Kindergarten und die Schule.

Ich habe hier in Altenholz/Kiel die bilinguale Kindertagesstätte initiiert und auch die Grundschule mit ins Boot geholt. So hat sich eine Art Verbund gebildet. Die Entwicklung der Kinder wird von mir und meiner Arbeitsgruppe wissenschaftlich begleitet. Das machen wir seit den ersten Anfängen.

Welche Beobachtungen haben Sie im Laufe der Jahre in der Kita und der Grundschule gemacht?

In der Kita hat sich über die Jahre hinweg gezeigt, dass die Kinder die neue Sprache problemlos annehmen. Sie sind sehr schnell in der Lage, den Tagesablauf auf Englisch zu bewältigen. Bis dahin dauert etwa sechs Wochen. Besonders gut werden formelähnliche Ausdrücke gelernt: Begrüßung, Verabschiedung, danken, um etwas bitten ...Auch lernen die Kinder schnell die englischen Vokabeln für häufig benutzte Gegenstände oder Aktionen in der Kita. Daraus baut sich der Wortschatz auf, und der ist wiederum die Grundlage für Entwicklung der Aussprache.

Sprechen die Kinder schnell ganze Sätze?

Nein. Einerseits spricht sowieso kein Mensch den ganzen Tag in vollständigen Sätzen, auch wenn in der Schule dieser Eindruck aus den Schulbüchern entstehen kann. Zum anderen entwickelt sich der Satzbau sehr viel langsamer. In der Kita dauert es in der Regel mehr als zwei Jahre, ehe die ersten Präpositionen, Konjunktionen oder Hilfsverben auftauchen, wenn dies überhaupt im Verlauf der Kitazeit geschieht. Aber danach im Verlauf des ersten Schuljahres entwickelt sich das Sprechvermögen der Kinder explosionsartig.

Sprechen die Kinder im Kindergarten untereinander Englisch?

Nein, warum sollten sie auch. Sie wissen ganz genau, dass alle außer der fremdsprachlichen Erzieherin/des fremdsprachlichen Erziehers ausgezeichnet Deutsch sprechen.

Wie ermitteln Sie den englischen Sprachstand der Kinder?

Kurz nach Eintritt in die Grundschule und dann jeweils zum Ende eines jeden Schuljahres wird ein Test durchgeführt. Den Kindern wird eine Bildergeschichte vorgelegt, die sie auf Englisch beschreiben sollen. Aus diesen Erzählungen wird der Sprachstand der Kinder ermittelt, und zwar sowohl derjenigen Kinder, die zuvor die bilinguale Kita besucht haben, wie auch jener, die nicht in einem bilingualen Kindergarten waren. Am Ende des vierten Schuljahres sind beide Gruppen auf gleichem Niveau. Wenn Sie ganz genau wissen wollen, wie wir arbeiten, dann surfen Sie bitte auf den Seiten des Vereins für Frühe Mehrsprachigkeit in Kindertagesstätten und Schulen , da haben wir viele Daten eingestellt.


Sie haben gesagt, dass Kontinuität wichtig ist, um die Zweitsprache gut zu lernen. Wie sieht es mit der Kontinuität von der Grundschule hin zu den weiterführenden Schulen in Altenholz/Kiel aus?

Bislang schlecht. Das Gymnasium, das die Altenholzer Kinder in der Regel besuchen, hat bislang andere Prioritäten gesetzt, so dass sich das Englisch der Kinder nicht so zügig wie auf der Grundschule weiter entwickelt. Das kann ich einfach nicht verstehen, hier muss dringend etwas geschehen, auch im Bereich der Weiterbildung von Lehrern.

Haben Sie bei Ihren Studien geschlechterspezifische Unterschiede beobachtet?

Nein, überhaupt nicht. Jungen wie Mädchen sprechen gleich gut auf die Immersion an und zeigen gleich gute Ergebnisse. Aber besonders in der Kita ist es für die Kinder schon wichtig, dass ihnen ihr Gegenüber sympathisch ist und daß sie das immersive Angebot, das ihnen gemacht wird, interessiert. Und da unterscheiden sich Jungen und Mädchen in ihren Interessen natürlich.

Immer wieder hört man im Zusammenhang mit Immersion den Vorwurf, es werde eine Elite geschaffen. Was sagen Sie dazu?

(Henning Wode klingt verärgert) Ich kann das nicht mehr hören. Wer sich die Schule und die Kindertagesstätte in Altenholz anschaut, wird schnell feststellen, dass das ganz normale Kinder sind: Sie kommen aus verschiedenen Bildungsschichten, sind nicht klüger und nicht dümmer als andere Kinder und stammen keineswegs aus elitären Verhältnissen. Wir machen ihnen in unserem Verbund nur ein anderes, intensiveres Angebot als andere Kindergärten oder Schulen. Und wenn die Kinder aus der Grundschule herauskommen, dann sind sie in der englischen Sprache auf einem Niveau, dass andere Kinder erst sehr viel später erreichen. Vergleiche zeigen, dass die Altenholzer IM-Kinder schon nach dem ersten Jahr in der Grundschule im Englischen auf einem Niveau sind, das zum Beispiel Kinder der Europaschule im italienischen Varese erst mit 10 - 11 Jahren nach 3-4 Jahren herkömmlichen Englischunterrichts von mindestens fünf Stunden pro Woche erreichen. Ich denke, man kann guten Gewissens sagen, dass das Altenholzer Immersionsmodell weltweit zu den leistungsstärksten für die Frühvermittlung von Fremdsprachen gehört. Wenn Sie das Elitebildung nennen wollen, bitte. Neider gibt es immer. Ich finde man sollte sich eher den Kopf darüber zerbrechen, wie man möglichst bald möglichst viele Kinder von dieser Art des Unterrichts profitieren lassen kann. Dann wird der Vorwurf der Elitebildung von selbst gegenstandslos.

Wenn Ihre Ergebnisse so überzeugend sind, ist man da schon von politischer Seite auf Sie zugekommen, um von Ihrer Arbeit zu profitieren?

(Henning Wode lacht auf) Nein, seitens der öffentlichen Hand nicht. Die Bildungspolitiker der Länder haben sich darauf festgelegt, dass ab der 1. Klasse, oft auch erst später, die erste Fremdsprache mit maximal zwei Stunden pro Woche unterrichtet wird, obwohl jedermann inzwischen weiß, dass damit das erforderliche Niveau nicht im entferntesten erreicht werden kann. Wohl aber werden private Initiativen zur Gründung – privater – Kitas und Schulen, die das Immersionskonzept übernehmen wollen, immer häufiger.

Neben Ihrem Einsatz für die Immersion setzen Sie sich besonders für die Förderung und den Erhalt kleiner Sprachen wie des Plattdeutschen ein. Warum ist Ihnen das ein Anliegen?

Wissen Sie, ich mache das, was auch die nationale Politik machen sollte: Ich nehme die Forderungen der Europäischen Union ernst und versuche sie umzusetzen. Die EU hat als Leitlinie vorgegeben, dass es zum einen wichtig ist, Fremdsprachen zu fördern, zum anderen aber auch die kulturelle und sprachliche Vielfalt innerhalb Europas zu fördern und zu erhalten. Außerdem hat der Erwerb jeder Sprache – auch einer kleineren, weniger gebräuchlichen – einen positiven Einfluß auf die kognitive Entwicklung eines Kindes. Sie zeigen bessere Ergebnisse zum Beispiel auch im mathematischen Bereich.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Gilt das für den Fremdsprachenerwerb?

Diese Annahme hält sich immer noch in vielen Köpfen und Lehrbüchern. Sie ist schlicht falsch. Schauen Sie sich selber an. Sie haben erzählt, dass Sie noch mit Mitte zwanzig eine neue Sprache gelernt haben. Und das hat doch funktioniert oder nicht? Der Vorteil von Immersion ist einfach, dass die Kinder die Zweitsprache ohne Druck so lernen, wie es ihren natürlichen Lernfähigkeiten entspricht. Später wächst die emotionale Hemmschwelle.

Stichwort: Deutsch-türkische Kindergärten: Wie müsste hier nach Ihrer Erfahrung vorgegangen werden, damit sich sowohl die deutsche, als auch die türkische Sprache gut entwickeln?

Das ist ein ganz komplexes Problem. In vielen Kindergärten und Schulen wird der Fehler gemacht, zu einseitig nur das Deutsche zu fördern. Im Prinzip müsste es umgekehrt sein. Das Türkische müsste zunächst intensiv gefördert werden, und zwar noch bis in die zweite oder dritte Grundschulklasse hinein. Danach wird auch das Deutsche gut, vor allem sehr viel zügiger gelernt. Das klingt paradox, hat sich aber bewährt. Warum das so ist, hat mit der Rolle der Sprache für die Sozialisation von Kindern zu tun. Sie lernen eine Sprache nicht um ihrer selbst willen. Unsere Sprache dient uns als Hilfsmittel für die Sozialisation. Letztere ist das eigentliche Ziel; der Erwerb von Sprachen das nachgeordnete. Mit anderen Worten, Sprachen fallen als Nebenprodukt der Sozialisation mit an. Enttäuschungen über die Ergebnisse von Kita und Schule sind daher geradezu vorprogrammiert, wenn die Bedeutung der Sprache für die Sozialisation von Kindern verkannt wird. Bei mehrsprachigen Kindern kommt dabei der stärkeren Sprache eine besondere Rolle zu. Die Sozialisation wird dadurch vorangetrieben, dass die Kinder Neues entdecken und verarbeiten. Das geschieht überwiegend durch die stärkere Sprache, weil sie ein viel größeres Spektrum an Erfahrungen erschließt. Wird verhindert, dass die stärkere Sprache diese Funktion erfüllen kann, indem sie in der Schule ausgeblendet bleibt, stagniert der Sozialisationsprozeß und mit ihm die kognitive Entwicklung. Folglich geraten diese Kinder in der Schule fast zwangsläufig ins Hintertreffen. Sie bleiben in ihrer Entwicklung des Deutschen und in den Inhalten der Fächer schnell so weit zurück, dass sie diese Defizite in ihrer ganzen Schulzeit nicht mehr aufholen. Das ist übrigens kein deutsches Phänomen, sondern ein weltweites.

Stand: 02. Februar 2007

Das Interview mit Professor Henning Wode führte Christine Denda für die Gingko-Foundation.

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