„Es ist, als ob es schon immer so gewesen wäre“

Interview mit Silke Günther, Erzieherin in Gruppe

Drei Monate ist Jean Ochs jetzt bei Ihnen als muttersprachliche Ergänzungskraft in der Gruppe. Können Sie eine Zwischenbilanz ziehen?

Einen genauen Stand kann ich gar nicht sagen. Es läuft total gut, und es ist, als ob es schon immer so gewesen wäre.

Sprechen einige Kinder mehr auf das Englische an als andere?

Nein, überhaupt nicht. Das liegt auch ganz viel an der Art von Jean Ochs. Sie hat eine wahnsinnige Ausstrahlung und die wird eigentlich von allen Kindern beansprucht. Es gibt Keines, von dem ich sagen würde, das zieht sich jetzt komplett zurück. Es gibt ein oder zwei von den jüngeren Kindern, die sind sozusagen noch nicht richtig im Kindergarten angekommen. Die halten sich nach wie vor zurück, aber das liegt nicht an dem Englisch-Angebot.

Gab es einen Punkt, wo Sie das Gefühl hatten, jetzt hat es bei den Kindern Klick gemacht?

In den ersten zwei Wochen war es vielleicht ein bisschen komisch für die Kinder. Aber es kommt nicht unbedingt darauf an, ob jemand eine andere Sprache spricht, sondern, wie er die Dinge rüber bringt und welche Persönlichkeit er hat. Und da ist Jean Ochs von den Kindern ganz schnell akzeptiert worden.

Akzeptieren die Kinder Jean Ochs als Autoritätsperson?

Auf jeden Fall. Und die verstehen sie auch ganz genau, selbst in Konfliktsituationen. Da hatte ich mich vorher schon gefragt, wie das wohl funktionieren würde. Mittlerweile lasse ich Mrs Ochs auch gern mal alleine in der Gruppe, weil ich weiß, sie schafft es, und die Kinder verstehen sie. Das liegt auch an ihrer Mimik und Gestik. Ganz selten wird sie wirklich nicht verstanden, wobei ich bei einigen Kindern dann auch mal den Eindruck habe, dass sie es in dem Moment auch nicht verstehen wollen. (Silke Günther schmunzelt)

Kommen Kinder manchmal zu Ihnen und bitten Sie um eine Übersetzung?

Nein. Manchmal gibt es so fragende Blicke. Dann wiederholt Mrs Ochs das Gesagte noch mal und wenn der Blick sich dann klärt, ist das für mich in Ordnung. Es kommt auch drauf an, worum es geht. Ansonsten hake ich ein und erkläre die Sache, um die es geht, noch mal auf Deutsch. Aber das passiert eher selten.

Greifen die Kinder beim Freispiel miteinander das Englische auf? Zum Beispiel, dass beim Vater-Mutter-Kind-Spiel jemand aus England zu Besuch kommt?

Also beim Vater-Mutter-Kind-Spiel wird das Englische noch nicht wirklich aufgegriffen. Zahlen werden viel auf Englisch verwandt und Farben. Und es fallen einzelne englische Wörter, wenn ein Tischspiel mit Mrs Ochs gespielt wurde. Auch beim Malen sprechen die Kinder viel Englisch. Auch ohne die Anwesenheit von Mrs Ochs höre ich Sätze wie „Gibst du mir mal das red?“ Und wir sorgen dafür, dass die englischen Spiele, wie zum Beispiel incy wincy spider nur mit Mrs Ochs gespielt werden. Jedenfalls solange, bis sich das Englische so vertieft hat, dass die Kinder das Spiel auch alleine auf Englisch spielen können.

Wie haben Sie die Arbeit im Team organisiert- inwieweit beziehen Sie Jean Ochs ein in Entscheidungen?

Ich für mich binde Jean ganz stark mit ein. Ich finde, sie hat eine unheimlich gute Beobachtungsgabe, auch eine sehr gute Menschenkenntnis. Und für das Zwischenmenschliche ist es egal, ob es eine Fachperson oder ob es jemand anderes tut. Wenn einer dafür ein Händchen hat, dann ist mir das ganz viel wert. Jean Ochs bringt als Neuzugang ganz wertvolle neue Perspektiven mit in unser Team. Wir machen zum Beispiel zusammen den Stuhlkreis, da bereitet sie immer ein Lied vor und hat dort so ihren Part. Oder bei Bastelangeboten setzt sie sich dazu, bastelt mit einem Kind, und dann profitieren alle am Tisch von der englischen Sprache.

Gibt es einen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen?

(Überlegt) Hm, kann ich jetzt nicht so sagen. Sie ist ja wirklich überall dabei. Sie sucht selbständig den Kontakt, und die Kinder suchen den auch zu ihr.

Haben Sie von Eltern ein Feedback bekommen?

Komischerweise habe ich da bisher eher wenig Rückmeldung bekommen. Soweit finden alle das bilinguale Sprachangebot toll und ich hatte drei oder vier Eltern, die sagten, das eine oder andere englische Wort sei zu Hause gefallen.

Und bei Ihnen?

(Lacht) So besonders mag ich die englische Sprache immer noch nicht, aber es ist jetzt nicht mehr so die Horrorsprache für mich. Und man fängt schon an, mehr zu lernen.

Stand: 8. Dezember 2006

Das Interview mit Silke Günther führte Elisabeth Herles für die Gingko-Foundation.

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